
10. Januar 2025, 11:09 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Wer mit dem Vierbeiner nach Weihnachten unterwegs ist, kann für die Strecke schon mal länger brauchen als sonst. Denn die entsorgten Weihnachtsbäume auf der Straße scheinen eine magische Anziehungskraft auf Hunde auszuüben. Liegt das an den interessanten Gerüchen oder steckt mehr hinter dem Verhalten?
Anfang Januar brauche ich mit meiner Hündin Yumi plötzlich sehr viel mehr Zeit für den Weg zur Arbeit. In dieser Zeit werden in der Regel die Weihnachtsbäume entsorgt, die auf Hunde unwiderstehlich wirken. Da wird teilweise minutenlang geschnüffelt und markiert. Das kann nicht nur am Geruch von „fremden Wohnungen“ liegen, den die Bäumchen an sich tragen. Denn in Berlin liegen ständig Haushaltsgegenstände oder Kartons mit Aufschriften wie „zu verschenken“ auf der Straße. Diese interessieren Yumi meist nicht. Doch bei den entsorgten Weihnachtsbäumen bleibt der Hund regelmäßig kleben – und das hat verschiedene Gründe.
Bäume als Geruchsfänger
Der Hauptgrund, warum entsorgte Weihnachtsbäume für unsere Hunde so spannend sind, ist der Geruch. Oder besser gesagt: viele spannende Gerüche. Zum einen trägt der Baum die Düfte aus dem Zuhause, aus dem er stammt, mit sich. Befinden sich neben Menschen auch noch Tiere wie Katzen oder Hunde im Haushalt, werden auch ihre Gerüche dem Baum anhaften.
Dazu kommt, dass nicht nur unsere Vierbeiner, sondern auch andere Tiere die entsorgten Weihnachtsbäume spannend finden. So ist es denkbar, dass auch Füchse und Marder das neue Objekt mit Urin markieren oder sich daran reiben. Aber auch, wenn sie den Baum nur untersuchen, hinterlassen sie Duftspuren am Ort, die unsere Hunde noch wahrnehmen.
Innerhalb kurzer Zeit sammelt sich so ein ganzes Potpourri an Gerüchen. Für unsere Hunde werden die entsorgten Weihnachtsbäume so zu einem wahren „Geruchs-Highlight“. Manche Vierbeiner sind dann so ins Schnüffeln vertieft, dass sie alles um sich herum vergessen.
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Weihnachtsbäume als „schwarzes Brett“
Wer seinen Hund aufmerksam beobachtet, wird feststellen, dass er nach dem Schnüffeln mit hoher Wahrscheinlichkeit am oder in der Nähe des Baumes Urin absetzt. Bei diesem Markierverhalten hinterlassen Tiere Duftstoffe – sogenannte Pheromone. Diese sind wie eine Art Personalausweis. Sie enthalten Informationen über Geschlecht, Gesundheitszustand und Paarungsbereitschaft. 1
Alle diese Informationen können Hunde aus dem Urin ihrer Artgenossen „lesen“. Sie können zudem wahrnehmen, ob es sich um einen bekannten Hund aus der Nachbarschaft oder einen neuen Kontakt handelt. Man kann oft beobachten, dass Hunde in der Nähe markieren, in der sie einen spannenden Geruch entdeckt haben. So werden die entsorgten Weihnachtsbäume zum „schwarzen Brett“ für unsere Hunde, an dem die gesamte tierische Nachbarschaft ihre Informationen hinterlässt. 2
Der liegt sonst nicht hier
Ein weiterer Grund, warum Hunde die vielen Weihnachtsbäume an der Straße so gründlich inspizieren, ist, dass sie dort sonst nicht liegen. Vor allem wachsame Rassen wie Spitze merken sofort, wenn etwas Neues auf ihnen sonst bekannten Wegen auftaucht. Manche Vierbeiner markieren auch Gegenstände oder Dinge, die ihnen im Vorfeld gruselig waren, nach dem Erkunden mit Urin. Man vermutet, dass das Aufbringen des eigenen Geruchs dem Wiedererkennen dient. 3

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Fazit: Entsorgte Weihnachtsbäume sind für Hunde spannend
All diese Faktoren führen zu einer Ansammlung an verschiedenen Gerüchen, die auf Hunde eine magische Anziehungskraft ausüben. Je länger der Baum liegt, desto stärker kann der Effekt werden. Denn markiert erst einmal ein Tier den Baum, animiert dies andere Artgenossen dazu, ebenfalls ihren Geruch oder Urin dort zu hinterlassen.
So finden sich auf und um den entsorgten Weihnachtsbäumen viele Informationen dicht gepackt an einer Stelle. Für manche Besitzer ist es dann gar nicht so einfach, den tief ins Schnüffeln vertieften Hund zum Weitergehen zu bewegen. Aber keine Sorge: In ein paar Wochen sind die Bäume wieder verschwunden. So lange sollte man seinem Vierbeiner den Spaß gönnen und einfach mehr Zeit für den Weg einplanen.
Zur Autorin: Dr. Saskia Schneider ist promovierte Biologin. In ihrem Studium an der Freien Universität Berlin widmete sie sich vor allem der Zoologie und dem Verhalten von Tieren.