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Fakten und Irrtümer

Getreide ist schädlich? Tierärztin über größte Mythen in der Hundeernährung

Hundeernährung
Bei der Hundeernährung gibt es noch weit verbreitete Irrtümer, die PETBOOK jetzt aufräumt. Foto: Getty Images/Gajus

8. Januar 2025, 6:35 Uhr | Lesezeit: 11 Minuten

Trockenfutter oder BARF, hoher Fleischanteil und Allergene im Futter: In Hundekreisen gibt es diverse Meinungen, wie man einen Hund möglichst artgerecht ernährt – und entsprechend viele Mythen. PETBOOK sprach mit einer Tierärztin über die größten Ernährungsmythen bei Hunden.

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Getreide ist schädlich und Nass- ist besser als Trockenfutter? Was die Ernährung unserer Vierbeiner angeht, gibt es viele Behauptungen. Lange galt BARF als die beste Methode, seinen Hund zu füttern. Mittlerweile warnen Tierärzte sogar davor. Aber was stimmt und was nicht? Wir sprachen mit Dr. Julia Fritz über gängige Mythen in der Hundeernährung. Sie ist Inhaberin der fachtierärztlichen Ernährungsberatung Napfcheck, Fachtierärztin für Tierernährung und Diätetik und EBVS® European Specialist in Veterinary and Comparative Nutrition. Für PETBOOK ordnete die Tierärztin ein, welche Behauptungen aus wissenschaftlicher Sicht haltbar sind.

1. Trockenfutter schadet den Nieren

Dass Trockenfutter schlechter ist, gehört zu den wohl häufigsten Mythen in der Hundeernährung. Der Gedanke dahinter: Trockenfutter enthält nur sehr wenig Feuchtigkeit und das wirkt sich schlecht auf die Gesundheit der Nieren aus.

Das sagt die Expertin: „Ein klares Nein.“

Das ist die Begründung: „Trockenfutter macht die Nieren nicht kaputt. Wenn ich nur Kekse esse, dann trinke ich mehr als jemand, der nur Äpfel isst. Beim Hund ist es genauso. Der Wasserbedarf des Hundes wird vom Feuchtigkeitsgehalt der Nahrung und auch vom Salzgehalt beeinflusst. Trockenfutter hat etwa zehn Prozent Feuchte, Dosenfutter 80 Prozent. Damit nimmt ein Hund mit Frischfutter bereits viel Flüssigkeit auf. Füttert man Trockenfutter, trinkt der Hund eben mehr. Durst ist dabei ein Regulationsmechanismus des Körpers. Die Fütterung ist zwar Teil der Therapie für Nierenerkrankungen, aber der Umkehrschluss, dass Futter schuld an einer Nierenerkrankung ist, konnte bisher nicht bestätigt werden. Mit einem Futterrechner kann man den Wasserbedarf des Hundes ermitteln lassen, abhängig von Faktoren wie der Fütterungsart, der Temperatur und der Aktivität.“

2. Hunde brauchen einen hohen Fleischanteil im Futter

In vielen Fütterungsempfehlungen liest man, dass ein hoher Fleischanteil wichtig sei für Hunde. Manche Futterhersteller werben auch explizit damit und schließlich stammt der Hund vom Fleischfresser Wolf ab.

Das sagt die Expertin: „Jein. Der Hund gehört zu den Carni-Omnivoren, seine Anatomie und der Verdauungsapparat sind darauf ausgerichtet, tierische Kost zu verstoffwechseln – erkennbar an den Zähnen und dem kurzen Magen-Darmtrakt.“

Das ist die Begründung: „Ernährungsphysiologisch ist der Hund aber kein strikter Fleischfresser wie die Katze, er kann auch bestimmte Nährstoffe, die nur in Pflanzen vorkommen, verwerten, wie Beta-Carotin. Entscheidend ist, dass man den Proteinbedarf über die Futtermittel deckt. Proteinlieferanten sind zum Beispiel Fleisch und Innereien, allgemein tierische Erzeugnisse wie Milchprodukte und auch Eier. Es gibt auch pflanzliche Proteine in Form von Hülsenfrüchten wie Soja, die den Eiweißbedarf decken können. Konkret müssen einzelne Aminosäuren, die Bestandteile des Eiweißes sind, dem Hund zur Verfügung stehen. Futtermittel haben unterschiedliche Eiweißanteile mit unterschiedlichen Aminosäurenmustern. Manche sind für die Bedarfsdeckung besser geeignet als andere, tierische Eiweiße sind in der Regel besser als pflanzliche, eine Ausnahme stellt dabei nur Soja dar, dessen Aminosäurengehalte mit denen tierischer Futtermittel vergleichbar sind.“

Gut zu wissen: Rohfutter oder Dosenfutter ist meist per se eiweißreich und enthält weniger Kohlenhydrate. Trockenfutter hat dagegen einen höheren Kohlenhydratanteil als Energielieferant und einen moderateren Eiweißanteil, der aber immer noch ausreichend ist. Übrigens kann die Angabe des Fleischanteils in der Zutatendeklaration irreführend sein: Die Zutaten werden nach ihrem prozentualen Anteil in absteigender Reihenfolge aufgelistet; beim Trockenfutter, das ein Konzentrat mit nur zehn Prozent Feuchte ist, die Feuchte aus den gelisteten Zutaten aber nicht unbedingt herausgerechnet, sodass ein vermeintlich hoher Fleischanteil entsteht. Der Fleischanteil an sich spielt aber nicht die entscheidende Rolle, relevant sind vielmehr die analytischen Bestandteile, hier der Rohproteinanteil. Unabhängig vom ausgewiesenen Fleischanteil ist dieser in Trockenfutter meist ähnlich. 

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3. BARF ist die natürlichste Art der Fütterung

Viele Mythen in der Hundeernährung drehen sich um die Biologisch artgerechte Rohfütterung, kurz BARF. Lange galt sie als die beste Ernährung für die Vierbeiner. Doch stimmt das?

Das sagt die Expertin: „Auch hier, ein klares Nein.“

Das ist die Begründung: „Für einen Wolf, der sich von Beutetieren ernährt, wäre BARF die natürlichste Form der Ernährung. Aber Haushunde jagen nicht mehr und eine möglichst natürliche Nahrung ist nicht der wichtigste Faktor. Denn der Hund lebt seit Jahrtausenden beim Menschen und hat sich diesem angepasst – er frisst das, was auch der Mensch isst und hat sich lange Zeit von Abfällen ernährt. Der Haushund ist nicht mit dem Wolf vergleichbar, er hat sich sogar genetisch an eine Form der Ernährung mit mehr Stärke angepasst, während Beutetiere keine Kohlenhydrate enthalten. Das Enzym Amylase, um Stärke in der Nahrung zu spalten, wird in der Bauchspeicheldrüse gebildet. Forschungen haben ergeben, dass zahlreiche Hunderassen mehr Genkopien von Genen (AMY2B), die für dieses Enzym zur Stärkespaltung codieren, als Wölfe besitzen. Kohlenhydrate sind auch deswegen also durchaus normaler Bestandteil von Hundefutter – und die Verdaulichkeit von Stärke in gängigen Futtermitteln ist hoch.“

4. Getreide löst Allergien aus

Oft wird empfohlen, Hundefutter ohne Getreide zu kaufen. Zwar haben wir schon gelernt, dass Hunde Kohlenhydrate gut verdauen können, doch das Getreide gilt als Auslöser für Allergien. Zurecht?

Das sagt die Expertin: „Das ist falsch. Retrospektive Studien zeigen, dass Hunde noch vor Getreide vor allem auf Rindfleisch allergisch reagieren.“

Das ist die Begründung: „Ich vermute, dass die Getreidephobie in der Hundeernährung von der Annahme kommt, dass der Hund vom Wolf abstammt und dieser auch kein Getreide frisst. So entsteht das Bild, dass Getreide unnatürlich für den Hund ist. Das ist Blödsinn. Damit eine Allergie entstehen kann, muss der Hund Kontakt zum auslösenden Stoff haben. Hunde, die in Europa leben, haben typischerweise Kontakt zu Getreide und Rindfleisch, das beides im Futter häufig verwendet wird. Die Wahrscheinlichkeit von Allergien ergibt sich dann aus der hohen Verbreitung von Rindfleisch und Getreide, weniger daraus, dass beide per se Allergien auslösen. Regionale Zutaten spielen dabei eine Rolle. In Neuseeland ist Lamm verbreitet, also werden sich auch mehr Allergien gegen Lamm dort finden lassen. Wahrscheinlich werden hierzulande die Allergien gegen Kartoffeln steigen, weil diese in den letzten Jahren vermehrt Verbreitung im Hundefutter gefunden haben.“

5. Hunde dürfen keine Gewürze essen

Wer seinem Hund vom eigenen Essen abgeben oder gleich für den Vierbeiner kochen will, sollte auf Gewürze jeglicher Art verzichten. Doch gilt das für alle Gewürze?

Das sagt die Expertin: „Auch Hunde dürfen Gewürze essen.“

Das ist die Begründung: „Es werden schließlich auch Kräuter in manchen Futtermitteln verwendet. Allerdings gibt es ein paar Gewürze – Chili, Pfeffer, Zwiebeln und Knoblauch – die Hunde nicht vertragen oder die giftig sind. Im normalen Rahmen geht von Gewürzen, die als Geschmacksverstärker dienen, aber keine Gefahr aus. Salz ist zum Beispiel kein Thema und außerdem gilt: Die Menge macht’s. Es gibt viele Situationen, bei denen Hunde etwas Gewürztes fressen, sei es beim Grillen im Sommer, wenn die Reste des Nackensteaks unter den Tisch wandern oder wenn sie im Biergarten etwas aus dem Müll klauen. Der Worst Case ist in der Regel, dass sie es nicht vertragen.“

Auch interessant: Woran erkenne ich gutes Hundefutter?

6. Trockenfutter ist schlecht für die Zähne

Zu den Mythen in der Hundeernährung, die das Trockenfutter betreffen, gehört auch die über die Zahngesundheit. Während die Kroketten bei Katzen als besser für die Zähne gelten, sollen sie bei Hunden für Ablagerungen sorgen. Doch stimmt das?

Das sagt die Expertin: „Jein.“

Das ist die Begründung: „Hunde kauen in der Regel nicht, auch Trockenfutter nicht. Ihr Speichel enthält keine Amylase, damit wird Zucker im Maul nicht zu Stärke umgewandelt und entsprechend haben Hunde auch kein Problem mit Karies. Fressen Hunde etwas, das sie kauen müssen, etwa, weil der Brocken zu groß ist, dann reinigt das Kauen die Zähne bis zu einem gewissen Grad. Dafür gibt es zum Beispiel Kauknochen mit Faserstruktur, die eine mechanische Reibung erzeugt und damit Zahnbelag abreiben kann. Der Zustand der Zähne hat insgesamt auch etwas mit Kopfanatomie, Speichelzusammensetzung, der Gabe von Kauartikeln und dem Zähneputzen zu tun. Auch Hunde, die von Nassfutter ernährt werden, können Zahnstein bekommen.“

7. Selbst gekochtes Futter ist besser als Fertigfutter

Wer selbst kocht, weiß, was drin ist, oder?

Das sagt die Expertin: „Nein.“

Das ist die Begründung: „Wer selbst für seinen Hund kocht, benötigt fachmännisch erstellte Rezepte und auf jeden Fall bestimmte Nahrungsergänzungen, weil die Zutaten allein wie Fleisch, Kohlenhydrate und Gemüse den Bedarf an Mineralstoffen, Vitaminen und Spurenelementen nicht decken können. Der Hund kann sonst über Jahre hinweg unentdeckt Mangelerscheinungen entwickeln. Oft fehlt zum Beispiel Kalzium, das in Knochen oder Algenkalk vorhanden ist. Nimmt der Hund nicht genug Kalzium auf, greift sein Körper auf das im Knochen gespeicherte Kalzium zurück – der Knochen demineralisiert, Gummikiefer und krumme Beine bei wachsenden Hunden können die Folgen sein. 

Fertigfutter ist dagegen bedarfsdeckend, sofern es ein Alleinfutter und ein seriöser Hersteller ist. Hier trägt der Hersteller die Verantwortung für ein ausgewogenes Futter, beim Selbstkochen der Besitzer. Die Verdaulichkeit des Futters wird allerdings vom Herstellungsprozess und den Zutaten beeinflusst. Selbst gekochte Nahrung ist daher meist etwas besser verdaulich als kommerzielles Futter – allerdings nicht in relevantem Umfang. Wir jammern hier also auf einem hohen Niveau.“

8. Hunde wissen instinktiv, was gut für sie ist

Eine der Mythen der Hundeernährung betrifft nicht nur das Füttern. So hört man oft, die Behauptung, Hunde würden keine giftigen Pflanzen oder Pilze fressen, weil sie von natur aus wüssten oder riechen könnten, was gut für sie ist.

Das sagt die Expertin: „Das ist Blödsinn.“

Das ist die Begründung: „Hunde fressen schließlich auch Schokolade oder Kothaufen und beides ist nicht gut für sie. Wie der Mensch, der vor ein paar Generationen noch wusste, welche Kräuter welche Wirkung haben, weiß auch der Hund nicht mehr, was gut für ihn ist und was nicht.“

9. Supermarktfutter ist qualitativ schlechter

Klar, was nicht viel kostet kann auch nicht hochwertig sein. Doch stimmt das?

Das sagt die Expertin: „Es kommt darauf an, was ich betrachte.“

Das ist die Begründung: „Die Stiftung Warentest nutzt etwa anerkannte Richtwerte auf Basis des Nährstoffbedarfs, um Futter zu vergleichen. Dabei wird anhand eines Beispieltiers und dessen Energiebedarfs ermittelt, wie die Nährstoffversorgung bei welchem Futter ist und wie hoch die Bedarfsdeckung ist, also wie viel man füttern muss. 

Nimmt man die Bedarfswerte als Grundlage, kann das Futter aus dem Supermarkt im Vergleich genauso gut abschließen wie das Bio-Futter im Golddöschen aus dem Fachhandel. Außerdem gilt: Auch, wenn im Futter noch so teure Rohstoffe verarbeitet werden, wenn sie den Bedarf des Hundes nicht decken, resultiert daraus ein gesundheitlicher Nachteil. Eine bessere Verdaulichkeit bedeutet, dass der Hund weniger Kot absetzt. Doch Kotmenge und Beschaffenheit sagen nicht zwingend etwas über die Nährstoffversorgung aus. Diätfuttermittel zielen zum Beispiel auf eine niedrigere Verdaulichkeit, sodass der Hund viel fressen kann, ohne zu viele Kalorien zu sich zunehmen. Ballaststoffe senken die Verdaulichkeit, sind aber dennoch notwendig, sonst kommt es zu Durchfall. Es geht also um eine gesunde Mischung.“

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10. Nahrungsergänzung ist immer sinnvoll

Fischöl für glänzendes Fell, ein paar extra Vitamine. Schaden kann das ja nicht, oder?

Das sagt die Expertin: „Es kommt darauf an.“

Das ist die Begründung: „Ein ausgewogenes Alleinfutter, das heißt, eine bilanzierte Ration muss man nicht mit Supplements ergänzen. Wissenschaftlich basierte Nährstoffergänzungen zum Füllen von Lücken im Bedarf, bei bestimmten Indikationen oder zur Unterstützung von Wehwehchen können bei der Hundeernährung aber sinnvoll sein – etwa Taurin und Carnitin bei einem Herzpatienten. Spannend sind auch funktionale Leckerlis – damit kann man eine Belohnung mit etwas Gesundem verbinden. Bei Futtermitteln mit Extranährstoffen wie Omega3 oder Antioxidantien sehe ich auch keine Gefahr der zu hohen Dosierung. “

Gut zu wissen: „Öle können sinnvoll sein, Kräuter sehe ich eher kritisch, für die ergänzende Fütterung des Hundes gibt es nicht genug wissenschaftliche Grundlagen. Zudem sind Heilkräuter ja wie ein „natürliches“ Medikament – und wenn sie eine Wirkung haben, können sie auch mit Nebenwirkungen einhergehen. Die Frage ist auch, wie sie mit anderen Substanzen interagieren. Ich würde hier den Realitätscheck machen und mich als Mensch fragen, ob ich auch viele Kräuter parallel einnehmen würde, ohne die Wirkweise genau zu kennen oder nicht.“

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