
3. April 2025, 6:16 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten
Für viele Hundebesitzer ist es schon eine Herausforderung, eine Woche auf engem Raum mit Vierbeiner zu verbringen. Hundetrainerin Sarah Both lebt seit über vier Jahren zusammen ihrer Hündin im Camper. Warum sie diese Entscheidung bis heute nicht bereut und welche Herausforderungen das Leben auf Rädern bringt, verrät sie im Interview.
Ein Leben auf Rädern – das klingt nach Abenteuer, Romantik und grenzenloser Freiheit. Doch wie ist es wirklich, wenn man dauerhaft in einem Campervan lebt? Was etwa, wenn der Vierbeiner oder man selbst plötzlich krank wird? Sarah Both, Hundetrainerin und Buchautorin, hat sich vor vier Jahren für diesen Lebensstil entschieden. Gemeinsam mit ihrer 13-jährigen Dalmatiner-Hündin Alma reist sie durch Europa. Im Interview mit PETBOOK erzählt sie, warum sie diesen Weg gewählt hat, welche Herausforderungen es gibt und für wen das Leben im Camper mit Hund geeignet ist.
»Ich war nie der Typ für ein Leben in der Großstadt
PETBOOK: Sarah, warum hast du dich für das Leben im Camper mit Hund entschieden?
Sarah Both: „Ich bin mit dem ‚Nomaden-Gen‘ aufgewachsen. Meine Familie ist oft umgezogen, und ich habe gelernt, mich immer wieder an neue Orte und Situationen anzupassen. Ich bin ein Mensch, der die Abwechslung liebt. Nach zehn Jahren in der Telekommunikationsbranche – einem Leben für den Job – merkte ich, dass mir etwas fehlte. Ich wollte wieder einen Hund haben, doch mein Chef lehnte Homeoffice ab. Das war der Punkt, an dem ich begann, mich umzuorientieren.“
Wie sah diese Umorientierung aus?
„Ich machte eine Hundetrainerausbildung, startete Onlinekurse/-training und fand Alma über eine Betreuungsplattform. Ursprünglich war es nicht geplant, dass ich so lange an einem Ort arbeite, noch dazu in einer Großstadt wie München. Ich mag Menschen, aber für mich ist es unnormal, dass so viele Menschen auf so engem Raum zusammenleben. Mit meinen Eltern habe ich vorher nie in einer Großstadt gewohnt. Die Idee einen Camper zu haben, fand ich schon einige Zeit spannend. Als mein Auto kaputtging, tauschte ich es gegen einen Camper aus. Ich habe mich intensiv mit verschiedenen Modellen beschäftigt, YouTube-Videos geschaut und Messen besucht. Mir war schnell klar: In einem schmalen Fahrzeug wie meinem, ist der Platz am Boden sehr eng bemessen. Alma sollte sich dennoch bequem hinlegen können, ohne im Weg zu sein. Also brauchten wir einen Grundriss, bei dem sie auch aufs Bett kann.“
„In einer Wohnung denkt man über solche Dinge gar nicht nach“
Was war die größte Herausforderung auf deinem Weg zum Leben im Camper mit Hund?
„Im Camper (und wenn man nicht dauerhaft auf einem Campingplatz stehen will) ist der Alltag mit deutlich mehr Aufwand verbunden. Wasser, Strom, Toilette – all das muss man im Blick behalten und wissen, wo man sich damit ausstatten kann oder Abwasser wieder loswird. Wenn der Wassertank leer ist, kann man nicht mehr kochen oder sich einen Tee machen. Und ein Solarpanel funktioniert nur, wenn die Sonne scheint. Ich arbeite Online mit meinen Kunden, deswegen muss ich auch immer eine gute Datenverbindung haben. Dazu kommt die Routenplanung: Wann, wie lange und wohin fahren wir? Wo ist der nächste Platz zum Übernachten?
In einer Wohnung denkt man über solche Dinge gar nicht nach. Mit dem Einbau einer Trockentrenntoilette und einer viel größeren Batterie wurde das Leben wesentlich entspannter. Wenn ich viele Kundentermine habe, bleibe ich an einem Ort, damit ich mir um den Alltag keine Gedanken machen muss. Wenn ich Schreibprojekte habe, reise ich mehr, dann muss ich nicht zu bestimmten Terminen eine sichere Internetverbindung haben.“
Und wie löst du das Problem mit dem Einkaufen? Wenn man den Camper einmal auf dem Campingplatz stehen hat, ist es unbequem, wieder loszufahren.
„Einkaufen ist für mich nicht mehr Aufwand als früher. Ich erledige das unterwegs, wenn wir ohnehin zum Spazierengehen an einen anderen Ort fahren. Ich bin recht minimalistisch unterwegs und kaufe so ein, dass ich eine Woche lang auskomme. Das ist anders, als wenn man sich zwei Wochen im Urlaub nicht mehr vom Platz bewegen will. Einkaufen gehört da zum Alltag eben dazu. Kleidung nehme ich nur das Nötigste mit. Ich habe schon als Kind gelernt, mein Herz nicht an Dinge zu hängen.“
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„Bis jetzt habe ich nur ein Mal einen Tierarzt gebraucht“
Wie klappt das Leben mit Hund im Camper?
„Sehr gut! Ich habe den Van so umgebaut, dass Alma mithilfe einer Rampe ins Bett klettern kann. Sie bekommt seit vielen Jahren kein Fertigfutter, sondern ich koche für uns beide. Das hat ihre Magenprobleme gelöst.“
Und wenn du mal zum Tierarzt musst?
„Ich habe eine gute Hausapotheke und eine Heilpraktikerin, die mich auch aus der Ferne unterstützt. Bis jetzt habe ich nur ein Mal einen Tierarzt gebraucht. Da hatte Alma schlimme Bauchschmerzen. Inzwischen weiß ich, welche Medikamente sie dagegen benötigt. Die habe ich jetzt in ausreichender Menge dabei. Ich bin viel in Skandinavien unterwegs und da muss man wissen, dass die nächste Tierklinik drei Stunden entfernt sein kann.“
Warum Skandinavien?
„Weil es dünn besiedelt ist. Ich mag Schweden und Dänemark und die Menschen dort. Vor allem Dänemark mit seinen Stränden ist toll. Dort habe ich mir sogar eine feste Parzelle auf einem Campingplatz gemietet. Das ist mein ‚favorite place‘ – genau zwischen Nord- und Ostsee. Da sitze ich stundenlang mit Alma am Strand, schaue aufs Meer und denke an nichts. Das ist traumhaft.“
Das Leben mit Hund im Camper erfordert Organisation
Ist das Vanlife für jeden etwas?
„Das kann man so pauschal nicht sagen, weil jeder das Leben im Camper auf andere Art gestaltet. Aber man muss sich bewusst sein, dass es Organisation erfordert. Wasser, Strom, Vorräte – das sind Dinge, über die man nachdenken muss. Ich empfehle jedem, das Leben im Camper mindestens sechs Wochen lang zu testen und sich verschiedenen Fahrzeuge anzuschauen und auch auszuprobieren, bevor man sich dafür entscheidet.“
Du bist ganz allein unterwegs. Hast du noch nie Angst gehabt?
„Bei der Auswahl von Übernachtungsplätzen achte ich auf mein Bauchgefühl, stimmt das nicht (mehr), fahre ich weiter, auch mitten in der Nacht. Ich stehe lieber mitten im Wald, als in einer Stadt. Im Wald kommen höchstens Fuchs und Dachs vorbei. In der Stadt – wenn nachts noch Menschen nach der Party grölend nach Hause wanken – schlafe ich schlechter. Aber allgemein Angst? Nein. Wovor soll ich Angst haben?“
„Man findet unterwegs immer hilfsbereite Menschen“
Zum Beispiel davor, krank zu werden und sich nicht selbst helfen zu können?
„Ich hatte einmal Corona. Da habe ich den Camper auf einen Parkplatz gestellt, habe drei Tage gelegen und zwischendurch mal den Hund hinausgelassen. Danach bin ich weitergefahren. Es findet sich immer irgendwie eine Lösung. Meine Familie und enge Freunde sehen meinen Standort auf dem Handy – so könnten sie im Notfall helfen. Aber auch so findet man unterwegs immer hilfsbereite Menschen.“
Ist es nicht manchmal sehr einsam, immer allein unterwegs zu sein?
„Nein, im Gegenteil. Ich telefoniere den ganzen Tag mit Kunden, Geschäftspartnern und Freunden. Da bin ich froh, wenn ich mal meine Ruhe habe und nicht reden muss. Ich bin gerne allein mit Alma. Wir brauchen nicht viel Entertainment. Wenn ich durch Deutschland reise, treffe ich sogar mehr Leute als früher. Wenn Kunden auf der Route liegen, machen wir Vor-Ort-Termine. Oft wohnen Freunde in der Nähe, mit denen ich mich dann auf einen Kaffee treffe. Dadurch, dass meine Eltern mit mir häufig umgezogen sind, kenne ich in ganz Deutschland Leute.“

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„Irgendwann möchte ich wieder sesshafter werden“
Ist das Vanlife etwas, das in deinem Bekanntenkreis zur Normalität gehört?
„Ja, ich kenne einige, die so leben. Es gibt eine ganze Community. In den letzten Jahren sind auch immer mehr Menschen komplett aus dem System ausgestiegen – sogenannte Staatenlose. Sie melden sich aus Deutschland ab, zahlen keine Steuern mehr und leben dauerhaft im Van. Das sind meistens Selbstständige. Für mich wäre das allerdings nichts. Ich will nicht dauerhaft herumreisen müssen, nur um keinen Wohnsitz zu haben.“
Warum hast du vor, das Vanlife aufzugeben, wenn dir Abwechslung so wichtig ist?
„Ich bin nicht rastlos, ich bleibe auch mal länger an einem Ort – gerade, wenn ich an einem Buch schreibe oder viele Kundentermine habe. Irgendwann möchte ich wieder sesshafter werden, ein Haus mit großem Grundstück und Pferden haben. Denn eines fehlt mir doch: mit meinen Händen zu arbeiten, Gartenarbeit zu machen, Stallarbeit. Aber der Camper bleibt, denn zwischendurch wieder unterwegs sein zu können, möchte ich nicht mehr missen.“
Was hast du in den letzten Jahren über dich selbst gelernt?
„Vor allem, dass ich mich selbst oft vergesse, wenn ich in Gesellschaft bin. Mein Kopf ist dann so voll mit dem, was um mich herum passiert, dass ich mich selbst verliere. Wenn ich allein mit Alma bin, kann ich einfach ich selbst sein, ohne mich anpassen zu müssen. Das ist für mich der größte Gewinn am Leben im Camper.“