
29. Juli 2024, 13:54 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Nachbarschaftsstreitigkeiten können schon skurrile Formen annehmen. So nun auch in der Steiermark in Österreich. Dort betreibt Bettina Bernadowitsch seit Jahren das „Katzenhoffnung Steiermark“-Pflegeheim für Katzen. Es ist die einzige Einrichtung im deutschsprachigen Raum, die auf inkontinente und querschnittsgelähmte Katzen spezialisiert ist. Nach der Anzeige eines Nachbarn steht der Gnadenhof jetzt vor dem Aus. PETBOOK sprach mit der Tierschützerin über ihre schwierige Situation.
Tierschützerin Bettina Bernadowitsch aus dem österreichischen Söding-Sankt Johann in der Steiermark durchlebt momentan einen regelrechten Albtraum. Sie muss ihr Zuhause, in dem sie für 50 schwer behinderte Katzen einen Gnadenhof eingerichtet hat, verlassen. Der Grund: Ein Streit mit einem Grundstücksbesitzer, der noch nicht einmal selbst in der Nachbarschaft lebt. Nun muss sie schnellstmöglich ein neues Zuhause für sich und die querschnittsgelähmten sowie inkontinenten Katzen finden. Kein leichtes Unterfangen. PETBOOK sprach mit der Leiterin vom „Katzenhoffnung Steiermark“.
Nachbar zeigte Gnadenhof-Betreiberin an
Frau Bernadowitsch, was ist das besondere an Ihrem Gnadenhof?
Bettina Bernadowitsch: „Das Besondere ist, dass wir uns auf inkontinente und querschnittsgelähmte Katzen spezialisiert haben. Diese sind besonders betreuungsintensiv. Ihnen muss drei bis vier Mal täglich die Blase ausmassiert werden. Windeln kommen für uns absolut nicht infrage. Eine weitere Besonderheit ist, dass wir mit all den ‚Handicats‘ (Anm. der Red.: Englischer Ausdruck für Katzen mit Handicap) unter einem Dach leben. Sie sind nicht einfach nur irgendwo untergebracht, sondern Familienmitglieder. Es gibt keine zweite Organisation, die sich um gelähmte und inkontinente Katzen kümmert, in der all das gegeben ist.“
Jetzt dürfen Sie das Haus, in dem sie mit den Katzen leben, nicht weiter als Gnadenhof bewirten. Was sind die Gründe dafür?
„Es kam durch die Gemeinde zu einer Flächenwidmungsplanänderung, da ein Bauträger hinter uns eine früher landwirtschaftliche Fläche gekauft hat. Durch die Flächenwidmungsplanänderung hat sich der Nachbar dazu verpflichtet gefühlt, dem Gesetz nachzugehen und uns anzuzeigen. Durch die Änderung hatte er das Baurecht hinter sich, da wir plötzlich im allgemeinen Wohngebiet waren und dort ein Gnadenhof nicht zulässig ist.
Dadurch kam es zu Gerichtsverhandlungen und dem endgültigen Urteil des Landesverwaltungsgerichts, dass ein Gnadenhof auf dieser Flächenwidmung nicht zulässig ist. Tierschutzrechtlich gab es all die Jahre nie Probleme. Wir sind sogar mehrfach für unser Tun ausgezeichnet worden.“

Ihre direkten Nachbarn fühlen sich vom Gnadenhof nicht gestört
Geht es hier um ein persönliches Problem, das ihr Nachbar mit Ihnen hat?
„Grundsätzlich nicht. Was er für ein Problem mit mir hat, weiß ich leider nicht. Ich denke, dass er eher ein Problem mit sich selbst hat, da der besagte Nachbar nicht mal hier wohnt. Das Haus, das ihm gehört, ist vermietet und wir verstehen uns mit den Mietern sehr gut. Daher kann er kaum Gründe haben, da er ohnehin nichts mitbekommt. Und die Mieter des Nachbarhauses sagen selbst, dass sie von meinem Tun nichts hören, sehen oder riechen. Eine Aussage meiner Nachbarin, der Mieterin: ‚Bettina, wenn ich nicht wüsste, was du tust, würde ich absolut nichts mitbekommen.‘“
Vor welcher Entscheidung stehen Sie gerade?
„Wir müssen übersiedeln. Wir müssen hier weg. Ich muss mein Haus, das ich 2015 gekauft habe, verkaufen und eine neue Liegenschaft beziehen und dort alles komplett neu aufbauen. Ein gewaltiger Kraftakt – auch finanziell. Nach knapp zehn Jahren ein absoluter Neustart für Mensch und Tier.

„Natürlich ist all das auch eine psychische Herausforderung für mich“
Der aktuell schwerste Kraftakt ist, dass ich eine Zwischenfinanzierung von einer Bank erhalte, denn ich kann das jetzige Haus nicht verkaufen, solange ich nichts Neues gekauft und dort alles umgebaut habe, um die tierschutzrechtlichen Bestimmungen einzuhalten. Die Zwischenfinanzierung bzw. der Kauf der neuen Liegenschaft muss privat von mir finanziert werden, da es hier nicht zulässig ist, Spendengelder dafür zu verwenden, weil ich auch auf dieser Liegenschaft wohnen werde.“
Was macht das mit Ihnen?
„Ich bin enttäuscht, dass man in Österreich nur ‚Rechte‘ hat, wenn man genügend Geld besitzt. Die ganze Situation zeigt einfach, dass alle jene, die Geld haben, auch die Macht haben und Menschen, die Gutes tun, nicht wertvoll für unsere Politik oder Behörden sind. Natürlich ist all das auch eine psychische Herausforderung für mich. Ich wollte immer nur Gutes tun und Leben retten. Die meisten meiner Katzen würden nicht mehr leben, aber das passt anscheinend nicht allen Menschen.“
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„Wir hoffen, dass man mit uns Gnade hat“
Welche Art von Unterstützung erfahren Sie aktuell?
„Wir erhalten – Gott sei Dank – viele Spenden, aber es reicht trotzdem nicht. Wir benötigen die Spenden für den Um- und Zubau auf der neuen Liegenschaft. Darüber hinaus bekomme ich auch sehr viel Zuspruch für meine Organisation und mein Tun. Zahlreiche Menschen sind mehr als entsetzt, dass man hier so agiert.“
Bis wann müssen Sie umsiedeln?
„Die befristete Bewilligung läuft noch diesen Sommer aus. Aber wir hoffen, dass man mit uns Gnade hat, bis wir die neue Liegenschaft tierschutzrechtlich umgebaut haben. Dies wird noch ein paar Monate in Anspruch nehmen. Aber da wir gewillt sind zu gehen, hoffe ich, dass es an diesen paar Monaten nicht scheitert.


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„Ich bereue keine Sekunde, dass ich meine Karriere für die Katzen an den Nagel gehängt habe“
Die befristete Bewilligung war bedauerlicherweise nur zwölf Monate – eine sehr kurze Zeit, um ein passendes Objekt zu finden, Gespräche mit dem zuständigen Bürgermeister der Gemeinde zu führen, eine Abklärung aller rechtlichen Dinge durchzuführen, Preisverhandlungen mit dem Verkäufer, Umbau- und Zubau-Planerstellung usw. umzusetzen.“
Gibt es denn schon eine Option, die sie vor Augen haben?
„Ja. Wir haben bereits eine neue Liegenschaft in der Nachbargemeinde gefunden.“
Sie haben Ihren Beruf aufgegeben, um sich voll und ganz den Katzen widmen zu können. Wie kam das zustande?
„Ich habe die ersten Jahre versucht, Beruf und Tierschutz unter einen Hut zu bekommen, aber auf die Dauer war das nicht möglich. Da die ‚Handicats‘ eine 24-Stunden-Betreuung brauchen, ist eine zusätzliche Arbeit leider unmöglich. Ich bereue jedoch keine einzige Sekunde, dass ich meine Karriere für die Katzen an den Nagel gehängt habe. Ganz im Gegenteil: ich bin dankbar und glücklich, dass ich so vielen Katzen das Leben retten durfte und hoffentlich auch weiterhin darf! Sie haben einfach ein Recht auf ein schönes und glückliches Leben.“