
1. April 2025, 12:12 Uhr | Lesezeit: 10 Minuten
Die Zahl der übergewichtigen Menschen steigt weltweit seit Jahren kontinuierlich an. Dies kann in vielen Fällen schwerwiegende gesundheitliche Folgen für die Betroffenen haben. Auch immer mehr Haustiere haben mit Gewichtsproblemen zu kämpfen. In Kanada gibt es deshalb jetzt die erste Auffangstation für krankhaft übergewichtige Katzen.
Das Bild des offensichtlich übergewichtigen Hundes, der neben seinem älteren Herrchen herläuft, dürften die meisten kennen. Und auch die pummelige Katze, die wie der Zeichentrickkater Garfield zufrieden auf ihrer Decke liegt, haben wohl die meisten schon einmal gesehen. Denn tatsächlich verwechseln viele Menschen das Zeigen von Liebe und Zuneigung mit dem übertriebenen Verteilen von Leckerlis und generell mehr als großzügigen Portionen. Ja, dicke Tiere sehen süß aus, und offensichtlich freuen sie sich auch über die Extra-Leckereien. Doch Übergewicht kann fatale Folgen für die Gesundheit der Tiere haben. Allerdings ist es weder ein leichtes noch ein kurzes Unterfangen den geliebten Vierbeiner auf Diät zu setzen.
In Kanada gibt es jetzt eine Art Abnehmklinik für Katzen. „The Big House“ kümmert sich aber vor allem um krankhaft übergewichtigen Katzen aus dem Tierschutz. Ihnen hilft Gründerin Kristine Seguin nicht nur, wieder in Form zu kommen, sondern auch, ein neues Zuhause zu finden. PETBOOK sprach mit der Tierschützerin über die weltweit einzigartige Einrichtung.
„Wir hatten eine Katze, die über 19,5 Kilogramm wog!“
PETBOOK: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine Spezialklinik zur Gewichtsreduktion nur für Katzen zu gründen?
Kristine Seguin: „Als ich Leiterin einer Tierrettungsorganisation war, adoptierten wir eine der größten Katzen der Welt, die über 19,5 Kilogramm wog. Als wir ihre Reise im Internet dokumentierten, fragten uns immer wieder Leute, ob wir irgendwelche Hilfen, Rettungsstationen oder Tierheime für stark übergewichtige Katzen kennen.
Wir haben recherchiert und herausgefunden, dass es kein Programm speziell für diese Katzen gibt. Da Übergewicht bei Tieren immer mehr zunimmt, war es an der Zeit, auch diesen Katzen eine Chance zu geben. Übergewichtige Katzen werden bei der Adoption oft übersehen oder eingeschläfert. Wir möchten die Tierbesitzer darüber aufklären, dass sie dagegen etwas machen können – mit den Mitteln, die sie zu Hause haben und ohne sich verurteilt zu fühlen.“
Was ist der Hauptunterschied zwischen Ihrem Zentrum und einer normalen Tierarztpraxis oder Tierklinik?
„Im Grunde bin ich eine Tierretterin, keine Tierärztin. Ich arbeite aber mit Fachleuten zusammen, um unseren Katzen zu helfen, ihre Ziele zu erreichen. So sind wir viel flexibler und haben weniger Druck. Ohne diese Partner könnten wir es nicht schaffen.“
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„Bei der Gewichtskontrolle geht es nicht nur um die Ernährung“
Welche Rolle spielt das Verhalten der Katzen beim Gewicht?
„Sie kann oft eine entscheidende Rolle spielen. Bei der Gewichtskontrolle geht es nicht nur um die Ernährung, sondern auch darum, tief verwurzelte Gewohnheiten wie übermäßiges Fressen, Futtersuchverhalten und Bewegungsmangel zu verstehen. All dies muss berücksichtigt werden, um einen langfristigen Erfolg zu erzielen. Dies hilft uns zu verstehen, warum eine bestimmte Katze fettleibig ist und auch bei der Umsetzung erfolgreicher Strategien. Etwa die Verwendung von Futterpuzzles, die schrittweise Umstellung der Ernährung und Routine, um Stress zu minimieren.“
Wie sieht der typische Tagesablauf einer Katze während ihres Aufenthalts in der Klinik aus?
„Im Wesentlichen leben sie wie ganz normale Katzen in einer häuslichen Umgebung, aber wir haben für jede Katze einen Trainings- und Ernährungsplan. Abhängig von ihrem Gesundheitszustand arbeiten einige Katzen nur an ihren lebenswichtigen Fähigkeiten: laufen, springen, die Katzentoilette benutzen. Andere bauen hingegen bereits Muskeln auf und verbessern ihre Beweglichkeit. So können sie mehrmals am Tag kleine 15-minütige Fitnesseinheiten absolvieren.“
„Ich würde sagen, dass die Ernährung für 80 % des Erfolgs verantwortlich ist“
Welche Therapieformen setzen Sie zur Gewichtsreduktion ein? Geht es nur um Diät oder bekommen die Katzen auch Medikamente?
„Ich würde sagen, dass die Ernährung für 80 % des Erfolgs verantwortlich ist. Hier geht es vor allem um die richtigen Portionsgrößen. Die daraus folgende Gewichtsabnahme führt wiederum zu einer verbesserten Beweglichkeit. Diese hilft wiederum bei der Gewichtsreduktion und so schließt sich der Kreis.“
Bieten Sie auch Krankengymnastik an?
„Ja, das machen wir auch. Es ist aber tatsächlich abhängig von der Katze. Sie wissen ja, dass Katzen sehr lustige Persönlichkeiten haben können, aber auch sehr dickköpfig sind. Daher passen wir dies an. Haben wir eine Katze, die gerne aufs Wasserlaufband geht, dann bauen wir das ein. Haben wir eine Katze, die Spielzeug liebt, gestalten wir viele ihrer Übungen spielerisch und mit kleinen Herausforderungen.“
Kann man Katzen wirklich an ein Laufband im Wasser gewöhnen?
„Ja, das ist möglich! Viele Menschen glauben, dass Katzen kein Wasser mögen. Das mag für einige Katzen zutreffen, aber andere können es tolerieren. Man muss nur langsam anfangen und sich Zeit lassen. Wir setzen die Wasserlauftherapie bei Katzen ein, die es tolerieren, weil es ihnen wirklich gut tut. Dabei benutzen wir Leckereien, Ermutigung, warmes Wasser und fangen langsam an. Wir werden von einem Tierrehabilitationsexperten angeleitet. Ich würde sagen, einige Katzen genießen es sogar und lernen, dass es ihnen danach besser geht.“
Was ist, wenn sich die Katze gar nicht bewegen möchte?
„Haben wir eine Katze, die große Schwierigkeiten hat, sich zu bewegen, dann trainiert sie nur mit ihrem eigenen Körpergewicht. Wir lassen sie etwa über eine Matte laufen. Dabei verlagert sich ihr Gewicht und sie muss mehr Muskeln einsetzen als normalerweise. Oder wir stellen die Futternäpfe weiter weg, damit sie mehr Schritte machen muss. Wichtig ist für alle Katzen ist, dass unsere Katzen für ihr Futter arbeiten müssen. Keine bekommt hier eine kostenlose Mahlzeit. (lacht)“
„Es geht darum, die Beweglichkeit zu verbessern, die verbrannten Kalorien sind nur ein Bonus!“
Wie genau sieht das aus?
„Egal, ob wir das Futter in einer Leckmatte, einem Puzzle-Futterautomaten oder einfach in einem Futterball oder einer Futterrolle anbieten. Sie müssen sich bewegen, um an ihr Futter zu kommen. Viele glauben, es ginge bei der Bewegung darum, Kalorien zu verbrennen. Das ist aber so nicht richtig. Es geht darum, die Beweglichkeit zu verbessern, die verbrannten Kalorien sind nur ein Bonus!“
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Ein Abnehmprogramm kann bei Katzen mehrere Jahre dauern
Wie lange dauert ein erfolgreiches „Abnehmprogramm“ im Durchschnitt?
„Monate bis Jahre – je nachdem, wie stark das Übergewicht ist. Die meisten unserer Katzen sind gefährlich übergewichtig. Hier sprechen wir von Jahren. Bei Katzen ist das Risiko von Komplikationen während einer Diät viel höher. Daher muss diese schrittweise und in einem sicheren Tempo durchgeführt werden.
Normalerweise ist ein Gewichtsverlust von ein bis zwei Prozent des Körpergewichts pro Woche sicher. Bei krankhaft fettleibigen Katzen sogar nur ein halbes Prozent. Wir vermitteln Katzen jedoch oft schon aus unserem Programm, bevor sie ihr Zielgewicht erreicht haben. Aber wir stellen den Adoptanten alles zur Verfügung, was sie brauchen, um mit dem Plan fortzufahren.“
Welche Kriterien müssen Katzen erfüllen, um aufgenommen zu werden?
„Unsere derzeitigen Aufnahmekriterien sind, dass sie die Definition von krankhaft fettleibig erfüllen müssen. Das heißt, ihr Gewicht muss deutlich über dem Rassedurchschnitt liegen. Außerdem müssen sie gefährdet sein. Sie müssen sich entweder in einem Tierheim oder in einem Rettungssystem befinden, das sie nicht aufnehmen kann, oder sie unmittelbar vom Tod bedroht sein. Entweder durch Euthanasie oder durch Komplikationen aufgrund von Fettleibigkeit. Die meisten unserer Katzen kommen aus Tierheimen, aber wir nehmen auch Katzen auf, die von ihren Besitzern abgegeben werden. Wenn eine Katze unsere Aufnahmekriterien nicht erfüllt, versuchen wir, ihr in ihrer jetzigen Umgebung Hilfe und Unterstützung anzubieten.“
„Leider sind die Katzen, die wir aufnehmen, meistens unerwünscht oder haben ihre Besitzer verloren“
Arbeiten Sie mit Verhaltenstherapeuten oder Tierpsychologen zusammen?
„In Kanada gibt es nicht so viele Verhaltenstherapeuten oder Tierpsychologen. Wir arbeiten hauptsächlich mit unserem Tierärzteteam und der Rehabilitationsklinik zusammen, die über Fachleute mit diesen Qualifikationen verfügen. Wir arbeiten auch mit einer Tierklinik in den USA zusammen, die führend in der Erforschung von Fettleibigkeit bei Tieren ist.“
Wie wichtig ist die Einbeziehung des Besitzers während und nach der Therapie für den langfristigen Erfolg?
„Wir bieten keinen Service an, bei dem wir Katzen von ihren Besitzern abholen, um sie zu behandeln und wieder abzugeben. Alle unsere Katzen werden abgegeben – etwa, weil ihr Besitzer verstorben ist. Für diese Tiere suchen wir ein endgültiges Zuhause, nachdem wir sie auf einen guten Weg gebracht und alle gesundheitlichen Probleme behoben haben. Wenn ich mit unseren Followern und Unterstützern spreche und die Besitzer mit ihren Katzen unterstütze, muss ich sagen, dass die Einbeziehung der Besitzer in den Gewichtsreduktionsplan ihrer Katzen von größter Bedeutung ist. Katzen können nur das fressen, was wir ihnen geben, also müssen wir manchmal in uns gehen und sicherstellen, dass wir das Richtige tun.“
So hilft die Abnehmklinik für Katzen gegen den Jo-Jo-Effekt
Ist es für Katzen nicht stressig, aus ihrer gewohnten Umgebung herausgenommen zu werden? Und dann dort auf andere Katzen zu treffen? Und dann auch noch auf Diät gesetzt zu werden?
„Leider sind die Katzen, die wir aufnehmen, meistens unerwünscht oder haben ihre Besitzer durch Tod oder hohes Alter verloren. Meistens werden sie in Tierheimen abgegeben, weil sie bereits so übergewichtig, dass sie sich nicht mehr selbst putzen können und außerhalb der ihres Klos urinieren. Sicher ist es sehr stressig, wenn sie abgegeben werden, und es bricht mir das Herz. Sie machen oft eine Phase der Trauer um ihre früheren Familien durch.
Und dann sind sie im System und werden auf Diät gesetzt, das ist alles sehr anstrengend. Wir versuchen, es ganz langsam anzugehen und uns Zeit zu nehmen, damit sie sich wohlfühlen. Wir fangen nie sofort mit einer Diät an.
Wenn wir eine Anfrage für eine Katze erhalten, die nicht in unser Umfeld passt (wir können nicht mehrere Katzen aufnehmen), versuchen wir, die Katze an andere Hilfsmöglichkeiten in ihrer Umgebung zu vermitteln, z.B. an ein Tierheim. Wir würden dann diese Rettung mit Hilfsmitteln wie Waagen, Futter und Rückverfolgungsmöglichkeiten unterstützen. Deshalb halte ich die Aufklärungskomponente für so wichtig. Wir wollen die Besitzer in die Lage versetzen, ihren Katzen zu Hause zu helfen, damit sie nicht im Tierheim landen.“

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Kater Walter wurde angegeben, weil er übergewichtig war und Diabetis hatte
Gibt es ein Nachsorgeprogramm zur Vermeidung von Jo-Jo-Effekten? Wie unterstützen Sie die Katzenbesitzer bei der langfristigen Ernährungsumstellung zu Hause?
„Wir stehen allen unseren Adoptanten nach der Adoption per E-Mail und Telefon zur Verfügung. Wir stellen den Kontakt zu unserer Tierklinik her, wenn sie keinen Tierarzt haben, und versorgen sie mit Waagen, Futter und allem, was sie für ihre Reise brauchen.“
Gibt es besonders schwierige oder bewegende Fälle, die Ihnen in Erinnerung geblieben sind?
„Walter. Wir haben ihn im Herbst adoptiert, bevor wir offiziell Big House wurden. Er war ein älterer Kater, der im Tierheim abgegeben wurde, weil er übergewichtig und Diabetiker war. Das Tierheim war voll und er sollte am nächsten Tag eingeschläfert werden. Wir konnten ihn gerade noch retten. Sein Diabetes wurde durch eine Diät geheilt, er hat abgenommen und lebt jetzt in einem wunderbaren Zuhause. Wir bekommen oft Nachrichten über ihn von seinen neuen Haltern. Dass er eine zweite Chance im Leben bekommen hat, ist für uns ein guter Ansporn, weiterzumachen. Denn ich weiß, dass der Tag kommen wird, an dem wir eine der Katzen in unserer Obhut aufgrund von Krankheiten, die mit Übergewicht zusammenhängen, verlieren werden.“