19. November 2022, 16:02 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Sie schütteln ihren Kopf zu Mozart, Queen und Lady Gaga. Wissenschaftler aus Japan fanden heraus, dass auch Ratten ein Gespür für den Takt von Musik haben und ihren Körper rhythmisch dazu bewegen. Bisher wurde dieses Verhalten nur Menschen zugeschrieben.
Sich akkurat im Takt von Musik zu bewegen, galt bisher als einzigartige Fähigkeit von Menschen. Lediglich bei einer Handvoll Tieren, wie zum Beispiel Kakadus, wurde so ein Verhalten bisher beobachtet und dies war meist antrainiert. Jetzt fanden Wissenschaftler der Universität Tokyo heraus, dass auch Ratten dieses Talent besitzen und ihren Kopf zum Takt von Musik bewegen.
In ihren Experimenten brachten sie winzige Beschleunigungsmessern an die Körper der Nager an. Diese sind in der Lage, jede kleinste Kopfbewegung der Versuchstiere zu registrieren. In vorherigen Studien, die die Reaktion von Ratten auf Musik untersuchten, wurde das Verhalten oft einfach nur beobachtet und keinerlei Körperbewegung festgestellt. Durch die präzise Aufzeichnung jeder noch so kleinsten Bewegung der Beschleunigungsmesser gelang es den japanischen Wissenschaftlern nun erstmals, den Beweis zu erbringen, dass Ratten tatsächlich beim Takt von Musik mitgehen, in dem sie ihren Kopf bewegen.1
Bei welcher Musik bewegen Ratten am meisten den Kopf?
Die Beschleunigungsmesser brachten die Forscher nicht nur an Ratten, sondern auch an Studienteilnehmern an. Sie sollten ihren Kopf rhythmisch zur Musik, die ihnen vorgespielt wurde, bewegen sollten. Dann spielten sie Ratten und Menschen einminütige Auszüge von Musikstücken aus Mozarts Sonate für zwei Klaviere in D-Dur in vier verschiedenen Geschwindigkeiten vor. Mit den verschiedenen Tempi wollten die Forscher herausfinden, welcher Tempobereich der Musik auf Ratten den größten Effekt hat.
Dazu hatte das Forschungsteam zwei Thesen aufgestellt:
- Das Musik-Tempo, bei dem Ratten am besten im Takt mitgehen ist sehr viel höher, da die Tiere im Vergleich zu Menschen einen viel kleineren Körper und damit auch andere physische Faktoren wie zum Beispiel einen schnelleren Herzschlag haben.
- Das optimale Tempo zum synchronen Mitrocken hängt nicht mit der Körpergröße, sondern mit der Zeitkonstante im Gehirn zusammen – also der Geschwindigkeit, mit der das Gehirn auf Reize reagiert.
Auch interessant: Fingertier das erste Mal beim Popeln gefilmt
Ratten und Menschen bevorzugen gleiches Musik-Tempo
Genau wie Menschen wippten die Ratten jeweils am deutlichsten mit dem Kopf zum Takt der Musik, wenn diese im Originaltempo von 132 Schlägen pro Minute lief. Aber auch Musik in Geschwindigkeitsbereichen zwischen 120 und 140 Schlägen begleiteten die Ratten mit Kopfnicken. Dabei passten sie ihre Bewegungen dem Takt der Musik an und hielten sogar mit dem Queen-Song „Another One Bites The Dust“ und Lady Gagas „Born This Way“ mit. Je stärker die Musikstücke jedoch beschleunigt wurden, desto weniger konnten die Ratten den Rhythmus halten.
https://oembed/petbook/affiliate/10f2dd6258875e249365ab529c1dad9c0bc468574bf294fc9f41fbfb6cae8539/71411d7e-9a29-4cf4-aade-d3bf39c11b9f/embed
Das deute darauf hin, dass das optimale Tempo für die Taktsynchronisation tatsächlich von der Zeitkonstante im Gehirn abhänge, fasst Studienleiter Hirokazu Takahashi von der Graduate School of Information Science and Technology an der Universität von Tokyo die Ergebnisse zusammen. Die Region, die im Gehirnder Ratten Schall verarbeitet, sei ebenfalls auf 120 bis 140 Schläge eingestellt. So unterscheide sie sich überraschenderweise kaum zwischen Arten.
In der Studie bewegten die Ratten ihren Kopf im Takt der Musikstücke von Mozart, Lady Gaga, Queen und Michael Jackson. ©2022 Ito et al.
Studie ist erster wissenschaftlicher Beweis für Rhythmusgefühl bei Tieren
Dass neben dem Menschen auch verschiedene Tiere positiv auf Musik reagieren, ist der Forschung schon länger bekannt. Ein rhythmisches Bewegen zum Takt von Musik konnte für Tiere in Studien bisher nicht belegt werden. „Soweit wir wissen, ist dies der erste Bericht über angeborene Taktsynchronisation bei Tieren, die nicht durch Training oder musikalische Exposition erreicht wurde“, sagt Takahashi. So faszinierend der Einblick in den tierischen Verstand und die Entwicklung von der menschlichen Taktsynchronisation sei, geben die Ergebnisse laut dem Forscher auch Einblick in die Entstehung von Musik selbst.
„Als Nächstes würde ich gerne aufdecken, wie andere musikalische Eigenschaften wie Melodie und Harmonie zu den dynamischen Prozessen im Gehirn in Verbindung stehen“, verrät der Studienleiter in einer Pressemitteilung der Universität Tokyo. „Mich interessiert außerdem, wie, warum und welche Mechanismen des Gehirns kulturelle Bereiche wie Kunst, Musik, Wissenschaft, Technologie oder Religion schaffen. Ich glaube, dass diese Frage der Schlüssel ist, um zu verstehen, wie das Gehirn funktioniert und um eine künstliche Intelligenz der nächsten Generation zu entwickeln. Als Ingenieur bin ich zudem auch am Einsatz von Musik für ein glückliches Leben interessiert.“
Studie zeigt Das löst bei Ratten Freudensprünge aus
Stimmwunder Warum Fledermäuse gute Death-Metal-Sänger wären
„Dehnel-Phänomen“ Maulwürfe schrumpfen ihr Gehirn im Winter bis zu elf Prozent
Quellen
- Ito, Y. Shiramatsu, T. I., Ishida, N., Oshima, K., Magami, K., Takahashi H. 2022) Spontaneous beat synchronization in rats: Neural dynamics and motor entrainment, Sience Advances, 11 Nov 2022, Vol 8, Issue 45, DOI: 10.1126/sciadv.abo7019