
30. Dezember 2024, 11:17 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Ihr Aussehen ist furchteinflößend und ihre Beißkraft gewaltig. Manche Menschen sind von diesen prähistorischen Reptilien so fasziniert, dass sie sie zu Hause halten möchten. Doch kann und darf man die Panzerechsen überhaupt privat halten? PETBOOK hat nachgeforscht.
Krokodile bevölkern seit über 200 Millionen Jahre unsere Erde und üben mit ihrem archaischen Aussehen eine große Faszination auf uns aus. Alligatoren gehören zur Familie der Krokodile mit insgesamt acht Arten. Ihr größter Vertreter ist der Mississippi Alligator (Alligator mississippiensis) der auch als Hechtalligator bezeichnet wird. Er kann bis zu sechs Meter lang und 230 kg schwer werden. Der vom Aussterben bedrohte China Alligator (Alligator sinensis) wird hingegen nur 2,2 Meter lang. Doch die meisten Arten erreichen ein hohes Alter. Tiere zwischen 50 und 100 Jahre sind keine Seltenheit. Faktoren, die in einer Privathaltung nicht zu unterschätzen sind.
Darf man einen Alligator in Deutschland als Haustier halten?
Steht der Alligator nicht auf der Negativliste der Gefahrtierverordnung eines Bundeslandes, kann man ihn unter bestimmten Voraussetzungen anschaffen. Will man einen Alligator als Haustier halten, benötigt man den Nachweis der Erlaubnis des Vermieters für die Haltung von Gefahrtieren. Hat man diesen, legt man den Bauplan des Geheges dem Veterinäramt vor. Hier sind die Mindestanforderungen zur Haltung eines Alligators einzuhalten.
Lebt man in einem Bundesland, in dem es eine Gefahrtierverordnung gibt, macht man eine Prüfung zum Sachkundenachweis erweitert auf Gefahrtiere wie etwa bei der Auffangstation für Reptilien München e. V. Dieser kann gegebenenfalls von den Behörden der zuständigen Gemeinde anerkannt werden – muss es aber nicht zwingend.
Zum aktuellen Zeitpunkt gibt es in elf Bundesländern Gefahrtierverordnungen. In manchen Ländern wie Sachsen-Anhalt gibt es diese nicht. Es reicht der Nachweis, dass man das Tier artgerecht hält. Des Weiteren benötigt man ein polizeiliches Führungszeugnis und den Nachweis des legalen Erwerbs, bzw. der Herkunft. Wenn alle Nachweise vorliegen, erhält man die Genehmigung zur Haltung.1
Woher bekommt man einen Alligator?

Exoten aller Art findet man in den Terraristik Börsen im Internet, auch Krokodile und Alligatoren. Für ein ausgewachsenes Exemplar des Mississippi Alligators zahlt man um die 3000 Euro. Oder man nimmt ein Tier aus der Vermittlung einer Reptilienauffangstation auf. In der Auffangstation für Reptilien München e.V. lebt seit 2,5 Jahren Alligator-Dame „Brandy“. Leiter Dr. Markus Baur sucht ein Zuhause für die 2,5 Meter lange und 30 Kilogramm schwere Panzerechse: „Brandy ist etwa zehn Jahre alt, es ist schwer abzuschätzen, da sie vermutlich wegen der vorherigen schlechten Haltung noch immer ihre Jugendfärbung hat.“
Die Auffangstation hatte in den letzten 30 Jahren etwa 100 Krokodile zur Vermittlung. „Wenn ein Tier legal angeschafft wurde und artgerecht gehalten wird, habe ich kein Problem damit“, meint Reptilienfachtierarzt Baur. „Unsere Tiere stammten meist aus Animal Hoarding-Fällen oder wenn die Halter starben, Krokodile werden ja recht alt, vor allem wenn sie in guter menschlicher Obhut leben“.
Alligator Brandy lebte nun über zwei Jahre harmonisch mit einigen Sumpfschildkröten in der Auffangstation zusammen, doch als Pfleger beobachteten, wie sie diesen nicht nur zunehmend die Pellets wegfraß, sondern auch testete, ob der Panzer der Schildkröten zu knacken ist, hat man sie voneinander getrennt. Zum Glück gibt es nun endlich eine ernsthafte Anfrage für sie!
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Der Traum vom Alligator als Haustier
Patrick Gower betreibt in Sachsen-Anhalt eine offiziell anerkannte Auffangstation für Reptilien, die sich noch im Aufbau befindet. Sein Herz schlägt für Panzerechsen aller Art, doch besonders angetan haben es ihm die Alligatoren: „Die Tiere sind sehr intelligent und der Charakter von Alligatoren ist sehr viel gechillter, als der eines Krokodils.“
Privat hält Patrick zwei Hunde, zwei Schweine, eine Katze und einen Brillenkaiman. In seiner Auffangstation befindet sich momentan ein Krokodil, das in einen Zoo umziehen wird, dann ist der Platz frei für Brandy, die er privat halten wird. Er will sich deshalb in München für die Adoption bewerben.
Wie muss ein Alligator gehalten werden?
Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft hat Richtlinien, auch für die Haltung von Krokodilen, herausgegeben. Das Gehege besteht aus einem Land- und einem Wasserteil, wobei der Wasserteil etwa 60 Prozent ausmachen sollte. Die Länge, und Breite des Geheges richtet sich nach der Kopf-Rumpf-Länge (KRL) des Tieres, welche man mit den Faktoren 5 mal 4 Wasserteil (Länge und Breite) und 4 mal 3 Landteil multipliziert. Die Wassertiefe sollte mindestens KLR mal 0,3 haben. Generell rät man zu einer zwei Meter hohen Umzäunung, zum Beispiel im Freigehege (adulte Tiere springen!).
Das Ministerium räumt jedoch ein, da es wegen der großen Schwierigkeiten für die Unterbringungen von sehr großen Exemplaren auch Duldungen gibt, was die Grundfläche betrifft. Wichtig sind Verstecke und gesicherte Ausstiege, sowie eine gut gesicherte Technik (Heizkabel, Strahler und Materialien, in denen sie sich verfangen und strangulieren können).
Alligatoren mögen es warm
Richtig ins Geld gehen die Heizungskosten! Patrick weiß, dass Brandy als wechselwarmes Tier tagsüber ca. 30 Grad Celsius braucht. Unter den Wärmelampen hat es sogar 40 Grad Celsius. Die UV-Lampen braucht der Alligator als Haustier zur Produktion von lebenswichtigem Vitamin D3, welches für die Aufnahme von Kalzium sorgt. Die Gesamtbeleuchtungsdauer sollte mindestens 11 bis 12 Stunden betragen und am besten an die Jahreszeit angepasst werden. Nachts wird die Temperatur auf 22 Grad heruntergeregelt. Ist die Temperatur zu niedrig, werden die Tiere lethargisch, stellen das Fressen ein, die Immunantwort sinkt und das Infektionsrisiko steigt. Deshalb muss Patrick mit mehreren hundert Euro Heizkosten pro Monat rechnen.
Zum Glück gehen Alligatoren zwei bis drei Monate in Winterruhe. In freier Wildbahn überleben sie sogar Minusgrade und sind regelrecht eingefroren, während ihre Schnauze aus der Eisdecke ragt, damit sie atmen können. Damit sich Brandy wohlfühlt, muss außerdem ihr Wasser regelmäßig erneuert werden. Ohne Filter rät man zu einem kompletten Wasserwechsel pro Woche2
Wie füttert und pflegt man einen Alligator?
Alligator-Dame Brandy kam mit nur 20 Kilogramm Gewicht in der Münchner Auffangstation an. Mittlerweil wiegt sie dank guter Pflege 30 Kilogramm. Ein- bis zweimal pro Woche bekommt sie Hühner, frischen Süßwasserfisch oder Kleinsäuger serviert. Diese sollten als ganzes Futtertier mit Eingeweiden, Feder/Haaren und Knochen verfüttert werden, mit einem Fettgehalt von maximal neun Prozent. Auch Rind- und Pferdefleisch gehören auf den Speiseplan. Brandy bekommt etwa zehn Kilogramm pro Monat. Zur Ergänzung kann man ganze Rinderknochen geben, das sorgt auch für Beschäftigung.

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Alligatoren gelten als sehr intelligent. Dr. Markus Baur rät deshalb zu „Medical training“, dies erleichtert auch die Untersuchung, falls einmal ein Tierarzt nötig ist. Brandy kennt ihren Namen und kommt zum täglichen „Appell“. Für das Training setzt man als taktilen Reiz Targets (Stick/Stab) ein. Mit ihrer Hilfe kann man das Tier konditionieren, z.B. damit es in eine Box geht. Zeigt das Tier das gewünschte Verhalten, wird es mit einem Leckerli belohnt. Neben dem Futterreiz kann eine einfache Interaktion durch Gegenstände (Hartgummibälle, Holzstämme, Holzkugel) stimuliert werden, die ins Gehege gelegt werden, um eine Reaktion durch Beriechen, Bewegen und Hineinbeißen auszulösen.
Wenn Patricks Gehege alle Voraussetzungen erfüllt, muss Brandy nur noch sicher von Bayern nach Sachsen-Anhalt transportiert werden, wo sie hoffentlich noch viele glückliche Jahre vor sich hat.