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172 km ohne Flügelschlag

Dieser Vogel hält den Rekord im Gleitflug

Ein Andenkondor gleitet durch die Luft
Volle 172 Kilometer können manche Vögel gleiten, ohne einmal mit den Flügeln schlagen zu müssen Foto: Getty Images
Louisa Stoeffler
Redakteurin

9. April 2024, 17:06 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

Manche Vögel sind auf den ersten Blick zu schwer, um sich in die Lüfte zu erheben. Doch haben sie eine Technik gefunden, mit der sie sogar über Stunden und hunderte Kilometer in der Luft bleiben können.

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Es gibt manche Vögel, die auf den ersten Blick zu schwer wirken, um sich in die Lüfte erheben zu können. Denn für den Flug muss ein Vogel eigentlich leicht und wendig sein. Und doch gibt es auch andere Wege. Der schwerste noch lebende Vogel gleitet majestätisch durch die Luft – bis zu fünf Stunden und 172 Kilometer weit und ohne seine Flügel bewegen zu müssen.

Andenkondor ist nicht nur in einer Hinsicht rekordverdächtig

Der Andenkondor hat eine Flügelspannweite von 3,20 Meter und bringt bis zu 15 Kilogramm auf die Waage. Mit diesem Gewicht ist es extrem anstrengend für ihn, sich in die Lüfte zu erheben. Denn je schwerer ein Vogelkörper ist, umso mehr Energie muss aufgewendet werden, damit er nicht wieder zu Boden sinkt – eigentlich. Denn viele Vögel, die auf den ersten Blick zu schwer für luftige Manöver sind, haben sich auf den Gleitflug spezialisiert.

Diesen Flugmodus nutzen unter anderem der über Land fliegende Kondor und sein Meere überfliegendes Pendant: der Wanderalbatros. Auch der Wanderalbatros schlägt nur wenig mit seinen bis zu 3,60 Meter langen Schwingen, allerdings nicht so wenig wie der Andenkondor.

Wissenschaftler fanden in einer Studie von 2020 heraus, dass der Andenkondor nur ein Prozent seiner Flugzeit mit Flügelflattern verbringt. Dies kommt vor allem bei Start und Landung vor. Denn diese verhältnismäßig wenigen Flügelschläge kosten den Kondor laut der Studie bis zu 21 Prozent seiner täglichen Energie.

Andenkondor fliegt 172 Kilometer ohne Flügelschlag

Hat er es daher erst einmal in die Lüfte geschafft, muss er Energie sparen, um sich seine Beute zu sichern und seinen Stoffwechsel wieder mit Nahrung zu versorgen. Die Forscher konnten aufzeigen, dass schon junge Andenkondore diese Technik nutzen. Einer von ihnen hält auch den absoluten tierischen Rekord im Gleitflug. Er war fünf Stunden und 172 Kilometer unterwegs, ohne einen einzigen Flügelschlag.

Somit ist der Andenkondor der Vogel, der mit der geringsten Anstrengung am weitesten fliegen kann. „Dies ist einer der niedrigsten geschätzten Bewegungskosten bei Wirbeltieren“, schreiben die Autoren in ihrer Studie. Um den Flug der Andenkondore zu untersuchen, wurden Jungtiere mit Sensoren ausgestattet.

Während der Untersuchung zeigte sich, wie die Vögel während des Fluges Energie sparen. Sie nutzten geschickt Aufwinde und Windscherungen ihrer hoch gelegenen Heimat. Besonders die warmen Aufwinde scheinen sich für den Gleitflug zu eignen. Etwa 32 Prozent der Flugzeit ließen sie sich davon treiben, scheinbar ohne viel Energie zu benötigen. Diese Winde kommen häufig in den Lagen der Anden vor, die der Kondor sein Zuhause nennt. Er ist im Hochgebirge von Venezuela bis Feuerland auf der westlichen Seite der Anden zu finden.

Um abzuheben, muss der Andenkondor einen „Sprint“ einlegen

Doch in seinem fast 8000 Kilometer langen Verbreitungsgebiet kann der große Vogel nicht überall fliegen. Gerade außerplanmäßige Landungen und Fehlstarts kommen den Andenkondor meist teuer zu stehen. Denn aufgrund seiner Größe und seines Gewichts sind die Flügelschläge für den Andenkondor nach der Berechnung der Wissenschaftler etwa 30-mal so anstrengend wie für kleinere Vögel.

Sie vergleichen den Aufwand in etwa mit einem Sprint bei Säugetieren. Daher werde diese Hochleistungsaktivität nur dann ausgeführt, wenn sie absolut notwendig sei. Diese metabolischen Kosten, also die Energie, die durch den Stoffwechsel verbraucht wurde, muss der Kondor dann bei der Jagd auf Beutetiere wieder ersetzen.

Gleitflieger kann nicht an allen Orten landen

Auch muss der Landeplatz geschickt gewählt sein. Denn ein Beutetier bringt dem Andenkondor nichts, wenn er dafür die Luftschichten verlassen muss, in denen er gut gleiten kann und die gesamte zugeführte Energie dabei wieder verliert, sich in die Lüfte zu hieven.

„In unserem Untersuchungsgebiet ernähren sich Kondore derzeit von Kadavern domestizierter Nutztiere, die in der relativ niedrigen Steppe aufgezogen werden“, schreiben die Forscher in ihrer Untersuchung. Wenn sich die Andenkondore nach dem Fressen dann wieder in die Lüfte erheben, können sie von der Steppe leicht wieder durch Aufwinde ins Gebirge gelangen.

Auch durch Platzierung von Versuchskadavern fanden die Wissenschaftler heraus, dass Kondore nicht an allen Orten landen. „Tatsächlich sind Kondore, sobald sie am Boden sind, anfällig für Raub und Störungen durch Landsäugetiere.“ Dies deute darauf hin, dass sie zwar in einer Landschaft operieren, die reich an Gelegenheiten für kostengünstige Flüge ist, dass es aber wenig Spielraum für Fehler gibt, wenn sie in Bodennähe fliegen.

Andenkondor zeigt beeindruckende Flugkünste nur noch an wenigen Orten

Bodenkontakt zu riskieren, ist für Andenkondore auch wegen anderer Gründe gefährlich. Der zu den Geiern gehörende Vogel leidet wie viele andere Aasfresser unter Habitatsverlusten und Bejagung. Immer mehr Flächen werden landwirtschaftlich genutzt und die ursprüngliche Beute der Kondore ist längst verschwunden.

Auch wurden verendete Schafe und Guanakos häufig entfernt, anstatt sie den Kondoren zu überlassen. Daher griffen die hungrigen Vögel in der Vergangenheit auch lebende Tiere an, was jedoch zu Unmut in der Landbevölkerung geführt hat. Diese entlud sich daraufhin häufig durch unkontrollierte Jagd, wenn der Kondor mit Fressen beschäftigt war, denn schnell fliehen kann er aufgrund der Kraftanstrengung beim Start nicht.

Das charakteristische Tier, das viele Wappen in Südamerika ziert, gilt trotz intensiver Schutzprogramme heute als bedroht und lebt in immer kleineren und isolierteren Populationen. Schätzungen zufolge gibt es mittlerweile weniger als 6700 Andenkondore.

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Quellen

Themen Tiere der Amerikas

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