
9. Juli 2024, 7:05 Uhr | Lesezeit: 3 Minuten
Früher waren Bartgeier in den Alpen noch weitverbreitet. Dann begann eine kompromisslose Jagd auf den großen Aasfresser, sodass dieser zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus Deutschland, Österreich, aus der Schweiz und Südtirol komplett verschwunden war. Wie steht es heute um das Geier-Vorkommen in Deutschland?
Geiern haftet kein gutes Image an: Grausam und blutrünstig sollen sie sein. Lämmer, Gämsen und sogar Kinder sollen sie verschleppen und auffressen. Die Schauermärchen, die sich über den Bartgeier erzählt wurden, haben dieser Vogelart schwer geschadet: Im Alpenraum wurde sie innerhalb von nicht einmal hundert Jahren vollständig ausgerottet. Durch gezielte Wiederansiedlungsprojekte wird nun seit geraumer Zeit versucht, den Bartgeier dauerhaft zurückzuholen. PETBOOK klärt auf: Wo leben in Deutschland Geier und welche Bedeutung haben sie für die heimische Natur?
Wiederansiedlungsprojekt in Berchtesgaden
Im Juni 2021 hat der Landesbund für Vogel- und Naturschutz (LBV) damit begonnen, Bartgeier im Nationalpark Berchtesgaden auszuwildern. Den Anfang machten die beiden Weibchen Bavaria und Wally: Sie kamen aus einem spanischen Zuchtprogramm und wurden von den Tierschützern an eine schwer zugängliche Felswand in den bayerischen Alpen gebracht. 2022 folgten Dagmar und Recka, 2023 kamen Sisi und Nepomuk dazu. Ganz neu im Geier-Revier sind die beiden jungen Männchen Wiggerl und Vinzenz: Sie wurden Ende Mai 2024 im Beisein von Ministerpräsident Markus Söder freigelassen.1
Bartgeier sind beeindruckende Tiere. Sie besitzen eine maximale Flügelspannweite von knapp drei Metern und zählen damit zu den größten flugfähigen Vögeln der Welt. Früher wurden sie auch Lämmergeier genannt, da man vermutete, sie würden Lämmer töten und verspeisen. Heute weiß man, dass Bartgeier fast ausschließlich Aas fressen. Sie sind echte Nahrungsspezialisten und vertilgen größtenteils die Knochen verendeter Tiere. Lediglich die Jungvögel benötigen Muskelfleisch, um gesund heranwachsen zu können.
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Geier in Deutschland: Missverstanden und gejagt
Geiern wie dem Bartgeier kommt in der Natur eine wichtige Aufgabe zu. Als Aasfresser sind sie so etwas wie die „Müllabfuhr“ des Tierreichs: Sie beseitigen Kadaver und verhindern damit die Ausbreitung von Krankheitserregern. Davon profitiert auch der Mensch. Dennoch haftete ihnen lange Zeit der Ruf eines rücksichtslosen Killers an: Bereits im Alten Testament wurden Geier als „unreine Tiere“ geschmäht und selbst der bedeutende britische Naturforscher Charles Darwin nannte Geier in seinen Notizen „ekelerregend“.2
Obwohl Bartgeier in der Regel selbst keine Tiere töten und mit Aas vorliebnehmen, gibt es noch heute Menschen, die diese streng geschützten Vögel strikt ablehnen und sogar jagen. Immer wieder werden Geier abgeschossen oder sterben durch ausgelegte Giftköder.

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Welche Zukunft hat der Bartgeier in Deutschland?
Um die Akzeptanz für den Bartgeier in Deutschland und im gesamten Alpenraum zu erhöhen, werden die europäischen Wiederansiedlungen durch Aufklärungskampagnen für die Bevölkerung begleitet. So informiert etwa der LBV auf seiner Web-Seite umfassend über das Bartgeier-Projekt im Nationalpark Berchtesgaden, welches noch bis 2031 läuft. Mithilfe einer Webcam kann man die Jungvögel rund um die Uhr in ihrer Felsnische im Klausbachtal beobachten.3
Ob die Wiederansiedlung Erfolg hat und der Bartgeier wieder dauerhaft in Deutschland heimisch wird, wird die Zeit zeigen. Derzeit laufen auch in Österreich, Italien, Frankreich und in der Schweiz derartige Projekte. Schätzungen zufolge leben momentan 220 bis 250 Bartgeier in den Alpen.