
14. März 2025, 13:14 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten
Gerade im Frühjahr melden Spaziergänger regelmäßig gefundene Wildtiere. Nicht immer sind Frischling, Rehkitz oder Hasenbaby jedoch auch tatsächlich in Gefahr. Wann Hilfe notwendig ist, wie man vorgeht – und wer für den Tierarzt aufkommt.
Ein kleiner, kaum gefiederter Vogel hüpft am Boden entlang, ein Kitz liegt scheinbar verlassen auf der Wiese, ein winziges Eichhörnchen rennt Menschen hinterher. So manch ein Spaziergänger, Radfahrer oder Jogger wird im Frühjahr wieder vor der schwierigen Frage stehen: Was tue ich, wenn ich ein junges Wildtier finde? Es sich selbst überlassen? Es zum Tierarzt bringen? Oder direkt bei Tierschützern anrufen?
Übersicht
- Die Natur erwacht – und Wildtierbabys landen unnötig in Auffangstationen
- Welche jungen Wildtiere im Frühjahr keine Hilfe brauchen
- Winterruhezonen beachten
- Ungefiederte Vögel brauchen definitiv Hilfe
- Rehe und Frischlinge brauchen Hilfe, wenn Gras gemäht werden soll
- Junges Wildtier gefunden? Nicht mit der bloßen Hand anfassen!
- Wildtiere sind in einer Wildtierstation besser aufgehoben als bei Laien
- Bei Fund von Wildtieren im Frühjahr immer Experten zurate ziehen
Die Natur erwacht – und Wildtierbabys landen unnötig in Auffangstationen
Der Frühling ist zwar noch gar nicht richtig da, doch in der Natur gibt es bereits den ersten Nachwuchs. Während Fledermäuse, Igel oder Siebenschläfer momentan noch Winterschlaf halten, sind andere Wildtiere wie Dachse oder Feldhasen bereits aktiv.
„Bei uns in der Wildtierstation werden um diese Jahreszeit in der Regel schon die ersten jungen Feldhasen abgegeben, die bei uns so lange aufgepäppelt werden, bis sie groß und stark genug sind, um wieder in die Freiheit entlassen zu werden“, sagt Eva Lindenschmidt, Diplom-Biologin und Wildtierexpertin bei Vier Pfoten.
Auch Wildschweine können schon Nachwuchs haben. Vorsicht: Wildschweinmütter verteidigen ihre Frischlinge energisch gegen potenzielle Feinde: „Wenn die Kleinen Angstlaute von sich geben, gehen sie vehement gegen die vermeintliche Bedrohung vor – egal, ob Mensch oder Hund“, so Eva Lindenschmidt.
„Ein verloren wirkendes Wildtier ist nicht immer auf die Hilfe der Menschen angewiesen“, sagt James Brückner, Spezialist für Arten- und Naturschutz beim Deutschen Tierschutzbund.
Welche jungen Wildtiere im Frühjahr keine Hilfe brauchen
„Das ist gerade im Frühling zur sogenannten Brut- und Setzzeit bei einer ganzen Reihe von Wildtieren der Fall.“ Ist das Tier nicht offensichtlich verletzt, sollte es daher erst einmal aus der Ferne beobachtet werden, damit es nicht durch den Kontakt mit Menschen gestresst und verängstigt wird. Zudem könnte es sein, dass die Eltern bereits in der Nähe sind, sich wegen der Menschen aber nicht zu ihrem Nachwuchs trauen.
So warten zum Beispiel gefiederte, aber noch nicht flügge gewordene Jungvögel gerne im Geäst oder an anderen geschützten Orten auf ihre Eltern, die sie zuverlässig füttern. Kitze oder junge Feldhasen werden nur höchstens zweimal am Tag von ihren Müttern gesäugt, den Rest des Tages verbringen sie alleine im hohen Gras. „Diese Tiere benötigen in der Regel keine Hilfe“, sagt Brückner.
Winterruhezonen beachten
Gerade jetzt ist es daher besonders wichtig, dass man Waldbewohner nicht stört. Für viele Tiere ist das Nahrungsangebot derzeit noch eingeschränkt und sie brauchen bei Kälte mehr Energie, um sich warmzuhalten. Eine Flucht ist dann sehr kräftezehrend. Spaziergänger sollten daher auf den Wegen bleiben und Hunde an die Leine nehmen.
Das gilt auch für Wintersportler und Wanderer. Es mag zwar verlockend sein, eine unberührte Schneelandschaft zu erkunden, „doch nur weil man die Tiere nicht sieht, heißt das nicht, dass sie nicht da sind“, erklärt die Wildtierexpertin Lindenschmidt. Man stört sie nicht nur bei ihrem natürlichen Tagesablauf, bei einer Flucht können sie auch Fressfeinden zum Opfer fallen.
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Ungefiederte Vögel brauchen definitiv Hilfe
Ein Notfall ist es dagegen, wenn Tiere offensichtlich verletzt, geschwächt oder apathisch sind. Auch am Boden sitzende, noch ungefiederte Vögel brauchen Hilfe. Das Gleiche gilt für bereits gefiederte Schwalben oder Mauersegler am Boden, die sich nicht ohne Not dort niederlassen würden.
Auch Eichhörnchenbabys, die auf dem Boden liegen, sich leicht einfangen lassen oder gar Menschen hinterherlaufen, brauchen Unterstützung. Manche klettern sogar am Hosenbein hoch und zeigen so deutlich, dass es ihnen nicht gut geht. In solchen Fällen sollte das Tier mitgenommen werden. Wer sich jedoch unsicher ist, sollte bei einer Wildtierstation anrufen und nachfragen.
Es gibt jedoch auch bei verletzten oder erkrankten Tieren Ausnahmen, und zwar aus rechtlichen Gründen. Wildtiere, die unter das Jagdrecht fallen, also zum Beispiel Füchse, Rehe, Hasen und Wildschweine, sind Sache der Jagdbehörde, des -pächters oder des Försters. Wer ein solches Tier aus der Natur entnimmt, begeht Wilderei. Findet ein Spaziergänger etwa einen verletzten Frischling oder ein erkranktes Kitz, muss er daher die zuständige Stelle informieren.

Rehe und Frischlinge brauchen Hilfe, wenn Gras gemäht werden soll
In der Regel brauchen Rehkitze keine Hilfe durch den Menschen. Die jungen Wildtiere werden von ihren Müttern im Frühjahr im hohen Gras versteckt, da sie dort sicher sind. Wird die Wiese, auf der die Kitze liegen, jedoch bewirtschaftet, müssen die Tiere vor dem Häcksler gerettet werden.
Findet man im Wald oder am Wegesrand ein Jungtier, lautet die oberste Regel: Auf keinen Fall direkt anfassen und mitnehmen. Bei Wildschweinen bringt man sich mitunter sogar selbst in Gefahr, falls die Mutter unbemerkt in der Nähe ist, warnt Eva Lindenschmidt.
Durch vorschnelles Handeln kann es aber auch für die Tiere selbst gefährlich werden. Wer beispielsweise ein Rehkitz entdeckt, sollte das Tier zunächst aus der Distanz beobachten. In den meisten Fällen ist die Mutter nämlich in der Nähe. Sie wird aber Abstand halten, solange ein Mensch anwesend ist.
Junges Wildtier gefunden? Nicht mit der bloßen Hand anfassen!
Anders sieht es aus, wenn die Mutter nicht zurückkehrt oder das Tier offensichtlich verletzt ist. Erst dann sollte man tätig werden und sich am besten an die nächste Wildtierstation wenden.
Kitze, aber auch Frischlinge, die sich häufig ebenfalls in Wiesen oder Feldern finden, sollten dabei aber ebenfalls nicht angefasst werden, denn dann werden sie eventuell von ihrer Mutter nicht mehr angenommen. „Am besten, man reißt Gras ab, um das Tier damit anzufassen“, rät Ilka Pissin von der Wildtierstation im hessischen Hünfelden. Ebenfalls geeignet sind Stroh oder Heu. Wer Handschuhe dabeihat, kann auch diese nutzen.
Vögel, Eichhörnchen oder Igel dagegen stören sich nicht am menschlichen Geruch. Findet also jemand einen Vogel, der aus dem Nest gefallen ist oder in der Nähe einer Straße sitzt, kann er ihn ohne Bedenken mit den bloßen Händen nehmen und in Sicherheit bringen. Der Ort sollte sich jedoch nicht zu weit vom ursprünglichen Fundort befinden, falls die Alttiere ihre Jungen suchen. Sitzt das Tier nach einigen Stunden immer noch am selben Platz, sollte man einen Tierarzt oder die Wildtierrettung verständigen.
Wildtiere sind in einer Wildtierstation besser aufgehoben als bei Laien
Um das Tier zum Arzt oder zu einer Wildtierstation zu transportieren, sollte es für den Weg möglichst sicher in einer Art Nest eingepackt werden. Es empfiehlt sich, vorher in größeren Tierarztpraxen anzurufen, denn nicht jeder Veterinär einer Kleintierpraxis hat Erfahrung mit Wildtieren. Behandelt er das Tier, darf er die Kosten dem Finder in Rechnung stellen. „In der Regel tut er das aber nicht“, so die Erfahrung von Pissin. Manchmal bezahlen auch Wildtierstationen von dem Geld auf ihren Spendenkonten die Tierarztrechnung.
Auf keinen Fall sollte ein gefundenes Tier einfach mit nach Hause genommen werden, denn ohne Sachkenntnis kann es in der Regel nicht wieder aufgepäppelt werden. Im Gegenteil, die Lage des Tieres kann sich verschlimmern. „Keinesfalls essen oder trinken einflößen, niemals Kuhmilch geben und am besten nicht füttern, ohne vorher mit Fachleuten gesprochen zu haben“, zählt Pissin die wichtigsten Regeln auf. In ihrer Wildtierstation nehmen sie und ihre Mitstreiter gefundene Tiere vom Eichhörnchen über Mauswiesel bis hin zu Wildkatzen auf. In ganz Deutschland gib es solche Aufnahmestellen, in der Regel kennen auch die Tierärzte vor Ort die Kontaktadressen. Auch der Naturschutzbund (Nabu) bietet eine Übersichtskarte über Wildtierstationen in Deutschland.

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Bei Fund von Wildtieren im Frühjahr immer Experten zurate ziehen
Auch im Frühjahr gilt: Zunächst sollten Sie in der Wildtierstation anrufen. „Sie sind oft überfüllt und können keine weiteren Tiere aufnehmen. Zudem sind nicht alle Stellen auf alle Tierarten ausgerichtet“, sagt Sven Fraaß vom Tierschutzverein in Hamburg. Doch ein Anruf bei den Stationen lohnt sich auf jeden Fall. Denn die Experten können weitere Kontakte vermitteln und dem Finder Informationen dazu geben, wie er mit dem Tier umgehen soll.
In leichteren Fällen könne der Finder sich selbst nach Anleitung eines Experten um das Tier kümmern, so Fraaß. Es darf dann erst wieder in die Natur entlassen werden, wenn es gesund ist. Wird es zu früh ausgesetzt, war alle Mühe umsonst, dann stirbt das Tier wahrscheinlich.
Allerdings gibt es auch beim Thema Auswilderung Ausnahmen von der Regel, wie James Brückner vom Tierschutzbund erklärt. „Wildschweine, Wildkaninchen und als invasiv eingestufte Arten wie Waschbären oder Nilgänse dürfen nicht ausgewildert, sondern müssen dauerhaft untergebracht werden“, erklärt er.
Mit Material der dpa