
6. Februar 2025, 14:55 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Das Rätsel, wo junge Meeresschildkröten ihre ersten Lebensjahre verbringen, hat Forscher lange Zeit beschäftigt. Daher galt diese Zeit als „verlorene Jahre“, da man nur sehr wenig über diese Lebensphase der Tiere wusste. Eine Studie bringt nun endlich Klarheit.
Meeresschildkröten sind faszinierende Reptilien, über deren Verhalten es wenig gesicherte Daten gibt. Dies stellt Forscher und Artenschützer natürlich vor Herausforderungen. Denn wenn man nur wenig über die Lebensweise der Tiere weiß, gibt es viele Unklarheiten darüber, wie man sie schützen kann. Ein großes Rätsel ist zum Beispiel, wohin junge Meeresschildkröten nach dem Schlupf verschwinden.
Frühere Hypothesen gingen davon aus, dass Jungtiere jahrelang ausschließlich in ozeanischen Gebieten verbringen, sich passiv von Strömungen treiben lassen und in einer einmaligen, klar definierten Phase dann in küstennahe Lebensräume wechseln. Auch existierten Vermutungen, dass die Tiere sich vor allem in Kelp- und Algenwäldern aufhalten. Allerdings scheinen die kleinen Schildkröten doch um einiges wendiger als bisher angenommen.
Wohin verschwinden Meeresschildkröten nach dem Schlupf?
Dr. Kate Mansfield, Meereswissenschaftlerin an der University of Central Florida, beschäftigt sich mit der Frage, wohin Meeresschildkröten verschwinden, schon eine Weile. Denn bislang haben sich die kleinen Reptilien sämtlichen Versuchen entzogen, sie zu verfolgen. Ihre weichen Panzer wachsen rasant während der ersten zehn Jahre ihres Lebens. Viele Tracker fielen also einfach ab, bevor man nachvollziehen konnte, wohin Lederschildkröten, Karrettschildkröten oder Grüne Meeresschildkröten verschwinden.
„Wir hatten große Datenlücken über das frühe Baby- bis Kleinkindalter der Meeresschildkröten“, sagt Kate Mansfield „Phys.org“. „Dieser Teil ihres langen Lebens war bisher weitgehend ein Rätsel.“ Traditionell ging man davon aus, dass junge Schildkröten ausschließlich in ozeanischen Lebensräumen leben, passiv von Meeresströmungen transportiert werden und sich erst nach mehreren Jahren schließlich in küstennahe Gewässer begeben.
Doch in ihrer Studie mit 131 Jungtieren von vier verschiedenen Arten, zeigen Mansfield und Kollegen ein anderes Bild. Die Studie untersuchte die Bewegungsmuster junger Meeresschildkröten im Golf von Mexiko, um bestehende Annahmen über ihre „verlorenen Jahre“ zu überprüfen. Dazu wurden von 2011 bis 2022 viele junge Meeresschildkröten eingefangen und mit solarbetriebenen Satellitensendern ausgestattet. Anschließend wurden die 94 Grünen Meeresschildkröten, 28 Atlantische Bastardschildkröten, sowie jeweils fünf Echte und vier Unechte Karettschildkröten wieder in die Freiheit entlassen.
Junge Meeresschildkröten sind agil und selbstbestimmt
Diese Sender ermöglichten eine Langzeitverfolgung ihrer Bewegungen. Gleichzeitig wurden ozeanografische Drifter – mit GPS ausgestattete Bojen – ausgesetzt, um passive Strömungsbewegungen zu vergleichen. Zusätzlich wurde untersucht, wie nahe die Schildkröten an Küstengebiete herankamen und ob sie sich dort länger aufhielten.
Die Ergebnisse zeigen, dass diese Tiere weit mehr Kontrolle über ihre Bewegungen haben, als bisher angenommen wurde.
- Im Durchschnitt wurden die Tiere 37 Tage lang verfolgt. Während dieser Zeit entfernten sich die Schildkröten von den Driftern: Nach zwei Tagen betrug der Abstand durchschnittlich 22 km, nach 10 Tagen bereits 177 km.
- 38 Prozent der erfassten Positionen der Schildkröten lagen über dem Kontinentalschelf, also in weniger als 200 m Wassertiefe.
- 28 Prozent der Tiere kamen in Küstennähe (unter 20 km Entfernung), was auf einen möglichen früheren Weg in flachere Habitate hinweist.
- Atlantische Bastard-Schildkröten hielten sich häufiger über dem Kontinentalschelf auf als andere Arten (65 Prozent der Zeit).
- Lederschildkröten hatten die geringste Küstennähe und folgten häufiger ozeanischen Strömungen.
Diese Ergebnisse widerlegen die Theorie, dass Jungtiere ausschließlich passiv driften und erst nach Jahren plötzlich in Küstennähe auftauchen. Stattdessen gibt es Hinweise auf einen schrittweisen, flexiblen Wechsel zwischen verschiedenen Habitaten. „Dieser winzig kleine Schlüpfling trifft seine eigenen Entscheidungen darüber, wohin er im Meer gehen und was er vermeiden will“, teilte Bryan Wallace, Ökologe für Wildtiere bei Ecolibrium in Colorado, der nicht an der Studie beteiligt war, „Phys.org“ mit. Dies hat weitreichende Folgen für den Meeresschutz, insbesondere in Regionen mit hoher menschlicher Aktivität wie der Schifffahrt oder Ölbohrungen.

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Meeresschildkröten noch höheren Risiken ausgesetzt als bisher angenommen
Diese neuen Erkenntnisse haben weitreichende Konsequenzen für den Schutz von Meeresschildkröten. Da Jungtiere nicht ausschließlich in tiefen ozeanischen Gewässern bleiben, sondern sich aktiv bewegen, sind sie einem höheren Risiko durch Fischerei, Plastikverschmutzung und Ölverschmutzungen ausgesetzt als bisher angenommen.
Beispielsweise führte die Ölkatastrophe der Deepwater Horizon 2010 zum Tod von schätzungsweise 55.000 bis 159.000 Jungtieren. Eine ungefähre Zahl, die aufgrund fehlender Grundlagendaten mit großer Unsicherheit behaftet ist.
Die neue Studie zeigt nun, dass Schutzmaßnahmen für Meeresschildkröten nicht nur in den Nistgebieten oder in Küstennähe greifen müssen. Stattdessen müssen sie auch in offenen Ozeangebieten geschützt werden, die ihnen als wichtige Entwicklungsräume dienen.