
12. Februar 2025, 13:35 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Kultur und Sprache gibt es nicht nur beim Menschen, sondern auch im Tierreich. Besonders gut untersucht ist dies bei Primaten, die mithilfe von Gesten ihre Bedürfnisse kommunizieren. Allerdings scheint eine bestimmte Bewegung, die 13.6?partnerschaftliche Annäherung bei Schimpansen einläutet, verloren zu gehen. Grund dafür ist laut einer Studie der Mensch. Kultur- und Sprachwissenschaftlerin Louisa Stoeffler ordnet die Ergebnisse für PETBOOK ein.
Zeichensprache ist in vielen Kulturen der Welt geläufig. Dabei muss es sich nicht einmal um eine ganze Gebärdensprache handeln, sondern manchmal auch nur um Zeichen, die kulturell übergreifend verstanden werden. Denken Sie nur einmal an einen nach oben gereckten Daumen oder Mittelfinger – diese Gesten werden in vielen Kulturen für dieselben Kommunikationszwecke eingesetzt. Ebenso gibt es auch anzügliche Gesten, die dem Einläuten von Geschlechtsverkehr dienen sollen. Auch Schimpansen verfügen über ein bestimmtes Repertoire an Gesten, mit denen sie Artgenossen um Sex bitten. Doch scheinen sie einige davon zu verlieren, was schlimme Folgen für die bedrohten Tiere haben könnte.
Auch Schimpansen geben Traditionen an Folgegenerationen weiter
Dass Schimpansen über ausgeklügelte Zeichensprache verfügen, ist bekannt. Zuletzt erschien im Juli 2024 eine Studie über die schnellen Unterhaltungen, die die Tiere mit über 8500 verschiedenen Handbewegungen führen (PETBOOK berichtete). Denn Tiere erlernen viele ihrer Verhaltensweisen von Artgenossen – sei es durch Nachahmung, gemeinsames Spiel oder gezielte soziale Interaktion.
Gerade bei hochintelligenten Spezies wie Schimpansen gibt es dazu auch Hinweise auf gruppenspezifische Traditionen, die sich über Generationen halten können. Solche kulturellen Muster zeigen sich in der Wahl von Werkzeugen, der Nahrungssuche oder auch in Kommunikationsformen wie Gesten. Doch scheinbar gehen Teile dieses Repertoires auch über die Zeit verloren.
Denn kulturelles Wissen darüber, was bestimmte Gesten ausdrücken sollen, wird auch unter Primatengruppen weitergegeben. Was passiert, wenn diese überlieferten Traditionen verschwinden, zeigt eine Studie über wildlebende Schimpansen in der Elfenbeinküste. Für ihre Untersuchung begleiteten Forscher vier benachbarte Schimpansen-Gemeinschaften im Taï-Nationalpark (Elfenbeinküste) über einen Zeitraum von bis zu elf Jahren.
„Anmachgesten“ von Schimpansen von Gruppe zu Gruppe unterschiedlich
Dabei fanden sie heraus, dass männliche Schimpansen zur Anbahnung von Paarungen spezifische, gruppenabhängige Geräuschgesten nutzen. Darunter waren zum Beispiel:
- Branch Shake: Schütteln von Ästen
- Knuckle-Knock: Klopfen mit den Fingerknöcheln
- Heel-Kick: Treten mit der Ferse
- Leaf-Clip: Zerreißen von Blättern
Besonders auffällig: In einer Gruppe war die „Knuckle-Knock“-Geste – ein rhythmisches Klopfen mit den Fingerknöcheln auf harte Oberflächen – verbreitet, während sie in den anderen Gruppen kaum vorkam.
Damit konnten die Forscher belegen, dass unterschiedliche, gruppenspezifische Gesten von den Schimpansen genutzt wurden, um bei anderen um Sex zu bitten. Diese Paarungsanbahnungen können daher als unterschiedliche kulturelle Dialekte verstanden werden, die von Gruppe zu Gruppe unterschiedlich sind.
Historische Daten zeigten, dass diese Geste bei den anderen Gruppen früher vorhanden war, aber seit etwa 20 Jahren nicht mehr beobachtet wurde. Dieser Verlust fiel mit einem starken Bevölkerungsrückgang der Gruppe zusammen, die die Geste heut am häufigsten einsetzt – offenbar infolge eines drastischen demografischen Einbruchs durch menschliche Einflüsse. Dadurch ist die nördliche Gruppe so isoliert, dass sie praktisch nicht mehr mit den anderen Schimpansen zusammentrifft.

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Was passiert, wenn Schimpansen nicht mehr um Sex bitten können?
Die Studie liefert nicht nur eindeutige Beweise für kulturelle Dialekte bei Primaten. Sie wirft auch die Frage auf, was passiert, wenn Schimpansen einander nicht mehr um Sex bitten können und was es bedeutet, wenn diese Gesten aus ihrem Wortschatz verschwinden.
Für den Artenschutz bedeutet dies ebenfalls nichts Gutes. Denn wenn unterschiedliche Kleinpopulationen sich untereinander nicht mehr verständigen können, kann man sie nicht wieder zusammenführen, um für mehr Nachwuchs zu sorgen.
Wilderei und der Verlust von Lebensraum sorgen also nicht nur dafür, dass einzelne Tiere sterben. Durch den Verlust von erlerntem Wissen wird das Sozialgefüge der restlichen Schimpansenpopulationen destabilisiert und die Kommunikation erschwert.
Menschliche Eingriffe können demnach nicht nur kulturelle, sondern auch demografische Folgen haben. Weitere Studien müssen nun untersuchen, ob die Reproduktion der isolierten „Knuckle-Knock“-Schimpansengruppe bereits nachhaltig beeinträchtigt ist. 1