
3. April 2025, 17:42 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Ein Frosch und eine Vogelspinne teilen sich eine Höhle – ohne dass die eine den anderen frisst? Klingt wie eine Fabel, doch in Südamerika und Asien ist genau das Realität. Warum diese so gegensätzlichen Tiere eine Wohngemeinschaft bilden, ist ein erstaunliches Naturphänomen mit cleverem Nutzen.
Sie teilen sich Höhlen, scheinen sich gegenseitig zu tolerieren – ja sogar zu schützen: In Sri Lanka, Paraguay und Peru dokumentierten Forscher eine enge Beziehung zwischen bodenbewohnenden Fröschen und riesigen Vogelspinnen. Die unwahrscheinlichen Wohngemeinschaften werfen die Frage auf, ob es sich nicht um bloßes Nebeneinander, sondern um echten Mutualismus handelt – eine Lebensgemeinschaft zum Vorteil beider Arten.
Vogelspinne und Frosch fallen eigentlich ins Räuber-Beute-Spektrum
Symbiose – das Zusammenleben unterschiedlicher Arten – kann viele Formen annehmen. Während beim Parasitismus nur eine Seite profitiert und die andere geschädigt wird, zeichnet sich der Mutualismus durch beidseitigen Nutzen aus. Besonders faszinierend sind solche Beziehungen, wenn sie zwischen Tiergruppen auftreten, die normalerweise im Räuber-Beute-Verhältnis stehen – etwa Spinnen und Frösche.
In tropischen Lebensräumen begegnen sich boden- und baumbewohnende Amphibien und Spinnen regelmäßig. Doch statt Konkurrenz oder Angriff scheint sich in einigen Fällen eine stille Kooperation zu etablieren, deren Vorteile bislang nur ansatzweise verstanden sind.
Eine bemerkenswerte Partnerschaft dieser Art beobachteten Forscher zwischen dem Sri-Lanka-Ochsenfrosch (Kaloula taprobanica) und der ornamentalen Vogelspinne Poecilotheria fasciata. Ähnliches wurde bereits 1989 im Regenwald Perus beschrieben – dort lebte der kleine Engmaulfrosch Chiasmocleis ventrimaculata mit der Theraphosidenspinne Xenesthis immanis in einer WG zusammen.
Zuletzt wurde das Phänomen auch 2021 in Paraguay zwischen der Vogelspinne Eupalaestrus campestratus, die auch „pinkfarbene Zebra-Schönheit“ genannt wird und einem weiteren Engmaulfrosch (Chiasmocleis albopunctata) beschrieben.
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Spinne beschützt „ihren“ Frosch
Doch was haben diese so unterschiedlichen Arten eigentlich für Vorteile durch ihr Zusammenleben? In Sri Lanka wurde im Rahmen eines Schutzprojekts eine ungewöhnliche Koexistenz in Baumhöhlen dokumentiert: Dort teilten sich Vogelspinne und Frosch nicht nur den Lebensraum, sondern zeigten auch auffälliges Verhalten. Als der Frosch von den Forschern freigelegt wurde, sprang die Spinne auf dessen Rücken – ohne Anzeichen von Aggression. Die Autoren deuteten dies als Schutzverhalten und schlugen vor, die Beziehung als Mutualismus zu klassifizieren. 1
Bereits 1989 hatten Forscher in Peru eine vergleichbare Gemeinschaft beobachtet. Über drei Monate hinweg verfolgten sie die nächtlichen Aktivitäten von Fröschen und Spinnen an gemeinsam genutzten Höhlen. Auch hier wurden Frösche nicht gefressen – selbst dann nicht, wenn die Spinnen eigentlich andere Froscharten aktiv jagten. Die Autoren führten dies auf chemische Schutzstoffe in der Froschhaut zurück und stuften die Beziehung als Kommensalismus ein – also als einseitig vorteilhafte, aber harmlose Koexistenz. 2
Frosch schützt Spinneneier
Zuletzt wurde das Phänomen auch in Paraguay beobachtet: In zwei Erdhöhlen lebten sogar jeweils mehrere Frösche gemeinsam mit einer Spinne. Bei Körperkontakt zeigten die Spinnen keine Aggression. Hier zeigte sich jedoch eine weitere Komponente des Verhaltens. Die Frösche ernähren sich von Ameisen und schützen die Spinneneierablage davor, von diesen Tieren gefressen zu werden.
Die Spinne wiederum könnte dem Frosch durch ihre Präsenz Schutz vor Fressfeinden wie Schlangen oder Geckos bieten. Wie auch bei der Studie in Sri Lanka gehen die Forscher hier von einer Symbiose aus, die für beide vorteilhaft ist (Mutualismus). Außerdem glauben sie, dass die Frösche gezielt Unterschlupf in den Höhlen der Spinnen suchen – vermutlich auch wegen des stabilen Mikroklimas in der Höhle. 3

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Drei Studien – ein weltweites Muster?
Zentral ist die Vermutung, dass bestimmte Mikrofrösche von den Spinnen anhand chemischer Signale erkannt – und als „ungenießbar“ eingestuft werden. Gleichzeitig vertilgen diese Frösche Ameisen, welche als Hauptbedrohung für Spinneneier gelten. Für die Frösche bietet das Zusammenleben mit einem Beutegreifer Schutz vor anderen – etwa Schlangen oder Vögeln. Spinnen profitieren wiederum durch Nestschutz und vielleicht durch verringerte Eierräuber-Dichte.
Diese Frosch-Spinnen-Gemeinschaften werfen aber auch spannende Fragen auf: Sind sie ein Einzelfall oder weiter verbreitet als bisher angenommen? Wie erkennen Spinnen „ihre“ Frösche? Welche Rolle spielt die Ernährung der Amphibien für deren chemische Abwehr? Und: Könnten solche Interaktionen ein unterschätzter Faktor für das Überleben beider Arten in gestörten Lebensräumen sein?
Alle drei Studien zeigen: Solche Beziehungen entstehen unabhängig voneinander auf verschiedenen Kontinenten, mit verschiedenen Arten – ein Hinweis auf konvergente Evolution. Sie sind auch ein eindrückliches Beispiel dafür, wie wenig wir über die versteckten Dynamiken tropischer Ökosysteme wissen.